Veröffentlicht am 26.05.2019
CHARLOTTE:
Das Abendbrot wurde gerade wieder abgeholt. Ich kann nichts essen. Ich habe keinen Hunger.
Vor 4 Stunden ist Oskar von uns gegangen.
27 Stunden hat er gekämpft und doch verloren. Und auch wenn es ersichtlich war, dass er sterben wird. Es kam doch zu schnell.
Frederik hat seine Eltern angerufen. Sie wollten sofort kommen. Wir möchten das nicht. Wir möchten gerade nur für uns sein.
Catharina wird Emma zu ihnen bringen. Emma soll in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Oma und Opa werden sich gut um sie kümmern.
Frederik hat seine Eltern darum gebeten Silas und Michel Bescheid zu geben.
Ich merke, wie schwer ihm der Verlust von Oskar fällt. Er weint immer wieder.
Ich habe meine Eltern angerufen, welche bereits im Auto zu uns saßen. Mama hat angefangen zu weinen.
Mama:"Wir sind zu spät."
Ja, sie sind zu spät. Wären sie früher gekommen hätten sie Oskar aber auch nur auf Bilder gesehen.
Nur die Ärzte und Schwestern, Frederik und ich, haben Oskar in echt gesehen und auf dem Arm gehalten.
Es waren schon mehrere Ärzte und Schwestern da und haben ihr Beileid ausgesprochen. Für die ist es auch nicht einfach. Es ist nie leicht wenn jemand stirbt. Ist es jemand den man kennt oder von Freunden, Kollegen, usw. dann ist es noch schwieriger.
Und ich bin diesmal mitten drin.
Es klopft an der Tür und Prof. Filou, Dr. Tabea Rohde und Dr. Georg Becker kommen herein. Ihre Mimik sehen bedrückt aus. Sie stellen sich hinten ans Bett.
Prof. Filou:"Frau Dr. Engel, Herr Dr. Seehauser-Engel, ich möchte ihnen nein herzliches Beileid aussprechen."
Es folgt ein Moment der Stille.
Prof. Filou:"Was ich ihnen jetzt mitteile fällt mir nicht leicht." Er stockt. "Wir haben lange überlegt und letztlich muss ich die Entscheidung treffen. In dieser Klinik ist es so, dass alle Babys, die hier sterben, anschließend obduziert werden, um einen Fehler der Klinik ausschließen zu können. Da Oskar in der Klinik gestorben ist werden wir das auch bei ihm machen."
Meine Atmung wird schneller. "Nein, das möchte ich nicht. Oskars Todesursache steht fest. Herzversagen durch Klappenzufall. Oder etwa nicht?" und schaue fragend Tabea und Georg an.
Georg:"Ersten Erkenntnissen zur Folge gehen wir davon aus, dass er daran gestorben ist. Das doch noch was unentdecktes vorliegt können wir nicht ausschließen und da kann die Obduktion hilfreich sein."
Ich:"Wofür soll das hilfreich sein? Oskar ist tot und für mich reicht Herzversagen aus. Ich war dabei als sein Herz aufgehört hat zu schlagen."
Prof. Filou:"Das weiß ich, dass sie dabei waren und es bestimmt nicht einfach. Sie müssen aber auch unsere Seite verstehen. Wir möchten nicht später einen Behandlungsfehler unterstellt bekommen."
Ich:"Das unterstellt ihn doch auch niemand. Wir haben doch gesehen wie fürsorglich sich um Oskar gekümmert wurde."
Prof. Filou:"Das sagen sie jetzt und in ein paar Wochen denken sie vielleicht anders darüber."
Ich schaue zu Frederik. "Sag doch auch mal was dazu. Die wollen Oskar obduzieren."
Frederik:"Ich weiß."
Ich:"Und das findest du ok?"
Frederik nickt.
Ich:"Die schneiden unseren Sohn auf."
Frederik:"Ja, um festzustellen, warum er gestorben ist. Ich möchte schon wissen, ob er noch mehr hatte als das was bekannt ist."
Ich:"Und was bringt dir das?"
Frederik:"Es bringt mir, dass ich in Ruhe damit abschließen kann und nicht die ganze Zeit denke >>war da noch was?<<"
Ich schaue ihn entsetzt an und dann zu Prof. Filou. "Kann ich irgendwas dagegen unternehmen?"
Prof. Filou:"Nein. Wir werden es von der Klinik aus anfordern, wegen Zweifel an der Todesursache, und zu 95% geht es so durch."
Ich:"Sie entscheiden das über meinen Kopf hinweg und machen was, was ich nicht will."
Prof. Filou:"Ich glaube, dass Sie aktuell emotional zu aufgewühlt sind. Sie bekommen ihren Sohn nach der Obduktion wieder."
Ich:"Ja, aufgeschnitten und zugenäht."
Ich schaue zu Frederik und hoffe sehr, dass er doch noch was dagegen sagt.
Frederik:"Leiten Sie die Schritte bitte ein."
Ich schaue ihn entsetzt und wütend an.
Frederik:"Ich brauche die Gewissheit. Ich kann so nicht weiter leben."
Tränen fließen.
Frederik:"Ich muss hier raus. Wir sehen uns morgen wieder."
Ich:"Du lässt mich jetzt alleine?"
Wortlos verlässt Frederik den Raum.
Georg:"Ich geh ihm nach."
Ich schaue zu Tabea. "Du hast gesagt, dass du Oskar dem Bestatter übergeben wirst."
Tabea:"Davon bin ich auch ausgegangen. Oskar ist mein erstes totes Baby hier. Es tut mir Leid Charlotte."
Ich:"Leid tut es hier jeden. Dadurch wird wir Oskar auch nicht wieder lebendig." und schaue zu Prof. Filou. "Machen Sie die Obduktion. Dann steht die Klinik gut da, weil kein Fehler vor liegt. Das weiß ich."
Prof. Filou:"Ich finde es schön zu hören, dass Sie der Klinik vertrauen. Für uns ist die Obduktion nur noch der Beweis dazu, dass die gestellte Todesursache stimmt. Ich verspreche ihnen, dass alles so schnell wie möglich verlaufen wird. Dann ist Oskar zeitnah für die Beerdigung freigegeben."
Ich nicke und lasse mich an die Rückenlehne fallen.
Prof. Filou:"Kann ich noch was für Sie tun?"
Ich schüttel den Kopf.
Tabea:"Soll ich bei dir bleiben?"
Ich schüttel wieder den Kopf. "Ich möchte alleine sein."
Tabea:"Wenn was ist klingelst du bitte."
Prof. Filou und Tabea gehen.
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Das verlorene Kind
FanfictionDr. Charlotte Engel ist 32 Jahre, Ärztin und arbeitet in der Klinik am Südring. Sie ist eine gute, beliebte Ärztin. Von ihren Kollegen wird sie sehr geschätzt, u.a. für ihre einfühlsame Art, wie auch ihrer Hilfsbereitschaft. Sie versucht jeden Fall...
