176. Alles verloren II

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Veröffentlicht am 26.04.2024.

TABEA
Ich höre Stimmen im Flur.
Frau 1: „Sie war heute noch gar nicht unten."
Frau 2: „Vermutlich schläft sie. Nach Carlottas Geburt war ich auch sehr müde."
Frau 1: „Ja das vermute ich auch."
Frau 2: „Sie wird sich schon melden wenn sie was braucht."
Frau 1: „Ja. Wobei ein bisschen Gedanken machen darf ich mir doch wohl. Ich fahre gleich zur Arbeit und heute morgen war sie blass. Sie hat die Nacht wohl nicht geschlafen."
Frau 2: „Es ist alles neu für sie. Wir sollten auch nicht an ihr kletten. Ich sehe es wie ein Zusammenleben in einer WG. Jeder kann selbst entscheiden was er wann macht. Und so solltest du es auch sehen. Schließlich bist du nicht ihre Mutter."
Frau1: „Nein, das bin ich nicht. Ich hatte mir nur gedacht ich könnte sie mit zur Klinik nehmen."
Frau 2: „So viel ich weiß hat sie ein eigenes Auto womit sie fahren kann."
Frau 1: „Sie frisch operiert ist."
Frau 2: „Andere Frauen müssen das auch machen. Das schafft sie schon. Und wenn sie nicht will, dann kann ich sie fahren."
FFrau1: „Das klingt gut. Ich möchte nicht, dass sie deshalb nicht zu Leo kommt."
Frau 2: „Ich werde ein Auge auf sie haben und ihr anbieten, dass ich sie fahren kann."
Frau 1: „Danke. Ich werde mich dann jetzt fertig machen und zur Arbeit fahren."
Frau 2: „Und ich halt hier die Stellung. Bis heute Abend."
Frau 1: „Bis später."

Es wird leise auf dem Flur. Die Stimmen gehörten Cati und ihrer Tochter Lucy. Ich mag beide, wobei zu viel Fürsorge mag ich nicht.

Normalerweise sollte ich jetzt aufstehen, mich frisch machen und zu Leo in die Klinik fahren. Irgendwas in mir sträubt sich dagegen. Wie erstarrt bleibe ich im Bett liegen. Ich fühle mich gelähmt, obwohl ich überall Gefühl habe. Ich realisiere, dass ich nicht zu Leo möchte. Was bin ich nur für eine Mutter? Jede Mutter möchte zu ihrem Kind, nur ich nicht. Ich finde es schlecht, dass Frederik Leo nicht sehen will und dabei will ich es auch nicht. Ich weiß, dass es so für Leo nicht weitergehen kann. Er braucht Beständigkeit welche ich ihm nicht geben kann.

Ich schaue an die Decke. Sie ist weiß; so weiß und leer wie ich mich fühle. Niemals habe ich gedacht, dass es so sein wird. Ich wollte Leo nicht und dachte ich kann es sachlich lösen. Und jetzt liege ich hier und kann es gar nicht lösen. Ich weiß ein Anruf beim Jugendamt und sie würden sich Leo annehmen. Sie würden versuchen mir Hilfen anzubieten, welche ich nicht will. Ich will nur meine Ruhe und die bekomme ich hier nicht.

In mir kommen die Gedanken von Reisen auf. Es ist das einzige, was mich zurzeit ein bisschen positiv denken lässt. Vielleicht sollte ich es machen. Ist das nicht abhauen? Und was ist mit Ole?

Die Kaiserschnittnarbe schmerzt. Hinzu kommen Unterleibschmerzen und Druck in der Brust. Langsam stehe ich auf und gehe ins Badezimmer. Dort gehe ich zur Toilette und streiche mir die Broste aus, bis der Druck darin weg ist. Wie oft muss ich das noch machen bis keine Milch mehr da ist? Ich will das nicht mehr. Sollte ich den Druck mehr aushalten? Vielleicht merkt mein Körper dadurch, dass er keine Milch mehr produzieren muss. Da ich weiter Schmerzen bei der Narbe und Unterleib habe hole ich eine Ibuprofen aus meinem Kulturbeutel und nehme diese ein. Eine Zweite stecke ich in meine Jogginghose, so dass ich diese bei Bedarf im Zimmer einnehmen kann.

Ich möchte zurück ins Zimmer gehen.
Lucy begegnet mit im Flur. „Hallo Tabea. Gut, dass ich dich sehe. Mama ist zur Arbeit gefahren. Wenn ich dich zur Klinik bringen soll kannst du mir Bescheid geben. Dann fahre ich dich."
Ich: „Danke für das Angebot, aber ich möchte nicht in die Klinik."
Lucy: „Leo wartet da auf dich und freut sich bestimmt dich zu sehen."
Ich murmel: „Er kann mich noch gar nicht erkennen."
Lucy: „Was hast du gesagt?"
Ich: „Ich gehe in mein Zimmer" und gehe dort hin und öffne die Tür.
Lucy: „Ist alles ok? Geht es dir nicht gut?"
Ich: „Es ist alles ok. Ich möchte einfach meine Ruhe haben."
Lucy: „Ok. Wenn was sein sollte, ich bin da. Zu vier Uhr hole ich kurz Carlotta ab und bin danach wieder hier."
Ich: „Du brauchst für mich nicht zu Hause bleiben. Ich komme alleine zurecht."
Lucy: „Draußen spielen ist bei dem Regen leider nicht möglich. Deshalb werden wir zu Hause sein."
Ich: „Mit der passenden Kleidung ist vieles möglich."
Lucy: „Ja, da hast du Recht. Vermutlich möchte ich es einfach nicht."
Ich: „Das wird es sein. Bis später" und gehe schnell ins Zimmer und mache die Tür zu.
- Lucy = Tochter von Catharina Engel, Carlotta = Tochter von Lucy Engel -

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