20. Wo ist Lisa?

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Veröffentlicht am 30.03.2019

CHARLOTTE:
Frederik und ich sind seit 5 Monaten verheiratet.

Ich bin in der 20. Woche schwanger.
Mir geht es gut. Mein Bauch ist minimal gewachsen. Wer nicht weiß, dass ich schwanger bin, könnte meinen, dass ich zugenommen habe.

Seitdem meine Schwangerschaft bekannt ist, hat Prof. Filou mich in den Tagdienst versetzt. Anfangs war es schon eine Umstellung nach fast 10 Jahren Schichtdienst dann feste Arbeitszeiten zu haben. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, bin aber nicht abgeneigt später wieder Schichtdienst zu machen. Denn beim Tagdienst habe ich bis 17 Uhr Dienst und irgendwie ist dann der Tag schon vorbei wenn ich nach Hause komme.

Heute ist Montag. Es ist 13 Uhr. Ich bin gerade im Aufenthaltsraum als dort das Telefon klingelt. Dr.Debbie Fischer geht ran.
Debbie:"Charlotte. Schwester Gisela, für Dich."
Sie hält mir den Telefonhörer entgegen. Ich nehme ihn ihr ab.
Ich:"Charlotte hier."
Gisela:"Hallo Charlotte. Hier ist Gisela. Bei mir ist ein Herr Täsch und er möchte mit dir sprechen. Hast du Zeit?"
Ich:"Ja. Ich komm runter."
Ich lege auf und fahre mit dem Fahrstuhl runter.
Täsch, denke ich. Wer ist das? Mein Ex-Freund heißt Täsch, Lisa auch, aber Romeo wird nicht hier sein. Es muss jemand anderes sein. Vielleicht jemand aus seiner Familie? Ich habe zwar nur noch sporadisch Kontakt dort hin, abgebrochen ist er nie. Romeo ist bei ihnen genauso abgehauen wie bei mir.
Auch sie warten seit 7,5 Jahren auf ein Lebenszeichen von ihm.

Die Tür vom Fahrstuhl öffnet sich. Dadurch werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich gehe zum Empfang. Als ich um die Ecke gehe um in den Vorraum zu kommen, wo auch der Empfang ist, erstarre ich. Ich schaue zum Tresen und sehe ihn. Ich bin wie versteinert und meine Atmung stockt. Dr. Oliver Dreyer  läuft an mir lang und hält vor mir an. Er schaut zum Tresen und dann wieder zu mir.
Oliver:"Was siehst du was ich nicht sehe, Charlotte?"
Ich:"Kneif mich mal."
Oliver:"Was soll ich tun?"
Ich:"Mich kneifen."
Oliver:"Ok."
Oliver kneift mich in den Arm. Es tut weh.
Ich:"Aua" und schaue Oliver ernst an.
Oliver:"Du wolltest, dass ich dich kneife" und schaut mich vorwurfsvoll an.
Ich:"Ich weiß".
Oliver schaut zwischen Empfang und mir hin und her.
Oliver:"Verrätst du mir jetzt was du da siehst?" und schaut zum Empfang.
Ich:"Das glaubst du eh nicht."
Oliver schaut irritiert.

Ich gehe zum Empfang. Der Mann spricht mich an:"Hallo Charlotte."
Ich:"Hallo."
Ich kann es gar nicht fassen. Er steht wirklich vor mir. Der Mann, der mir vor 7,5 Jahren meine Tochter nahm und selbst mit ging.
Ich:"Was machst du hier? Wo ist Lisa?"
Romeo:"Wegen Lisa bin ich hier. Ich brauche deine Hilfe."
Ich:"Wo ist Sie?" Ich schaue mich im Vorraum um. Aber ich sehe kein Mädchen, welches 12 Jahre sein könnte.
Romeo:"Sie ist nicht hier."
Ich:"Wo ist Sie?"
Romeo:"Das weiß ich nicht. Ich dachte, dass du mir das sagen kannst."
Er haut mit unserer Tochter ab und fragt jetzt mich, ob ich weiß wo unser Kind ist?
Ich:"Woher soll ich wissen wo sie ist. Du bist doch mit Lisa weggegangen."
Romeo:"Ja da hast du recht. Aber sie wurde mir weggenommen."
Ich:"Wie weggenommen?"
Romeo schaut sich um.
Romeo:"Müssen wir das hier besprechen?"
Erst jetzt wird mir wieder bewusst, dass ich noch im Vorraum am Empfang stehe. Aber es ist mir egal, da ich wissen möchte, was mit Lisa ist.
Ich:"Ja. Wir klären das hier. Was ist passiert?" frage ich ernst.
Romeo schaut auf den Boden und dann wieder zu mir. "Lisa wurde mir weggenommen."
Ich:"Wie weggenommen? Jetzt lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen."
Romeo:"Lisa ist vom Jugendamt Inobhut genommen worden und ich durfte sie nicht mehr sehen."
Ich:"Warum wurde Sie Inobhut genommen?"
Romeo:"Ich bin mit Lisa damals in die Niederlande gegangen. Zur Einschulung sind wir wieder nach Deutschland gekommen und haben in Dortmund gelebt. Lisa war total anstrengend und ich arbeitete voll und das war einfach zu viel."
Ich:"Und dann?"
Romeo:"Ich war müde, erschöpft und Lisa forderte viel und da sind mir ab und zu die Sicherungen durchgegangen." Er schaut zu Boden.
Ich schaue ihn fragend und besorgt an.
Romeo:"Ich wollte das nicht."
Ich:"Was wolltest du nicht?"
Romeo:"Ich habe Lisa geschlagen."
Ich bin fassungslos. In mir steigt eine Wut auf.
Ich:"Du hast was? Wie oft? Wann wurde sie dir weggenommen?"
Romeo:"Öfter. Sie war danach immer wieder lieb und nicht mehr bockig. Heute weiß ich auch, dass es falsch war. Der Hort hat es rausbekommen. Sie hat sich einer Erzieherin anvertraut und die hat das Jugendamt gerufen und als ich sie abholen wollte wartete die Polizei beim Hort auf mich und nahm mich vorläufig fest."
Es brodelt in mir.
Ich:"Und dann? Was haben die mit Lisa gemacht?"
Romeo:"Lisa war wohl erst ein paar Tage im Kinderheim und ist dann in eine Pflegefamilie gekommen. Ich weiß aber nicht zu wem oder wo. Ich hatte eine gerichtliche Bannenmeile. Ich habe mich da nicht dran gehalten. Aber ich weiß dadurch, dass sie die Schule und Hort nicht besucht hat."
Ich:"Warum hat das Jugendamt mich nicht kontaktiert?"
Romeo:"Das konnten sie nicht."
Ich schaue ihn irritiert an.
Romeo:"Ich habe dem Jugendamt gesagt, dass du tot bist."
Ich:"Das müssen die doch prüfen?"
Romeo:"Ja, aber nicht bei einem Totenschein."
Ich:"Totenschein?"
Romeo:"Ein Freund von mir hat den ausgestellt und somit konnte ich auch überall mit Lisa hin und hatte das alleinige Sorgerecht."
Ich fasse es nicht. Nicht nur, dass er Lisa geschlagen hat und das Lisa in einer Pflegefamilie ist, dann hat er mich auch noch für tot erklärt.
Ich:"Was hast du zu Lisa gesagt, warum ich nicht mehr da bin?"
Romeo:"Das du bei einem Autounfall gestorben bist."
Ich:"Und das hat sie geglaubt?"
Romeo:"Ja. Sie war traurig, aber es war auch ok."
Es war ok? Das glaube ich nicht.
Romeo:"Charlotte, es tut mir sehr Leid. Ich bin zu 2 Jahren Haft verurteilt worden und habe diese abgesessen. Ich wollte das nicht. Ich habe mich jetzt im Griff. Ich liebe Lisa doch."
Ich werde laut. "Du liebst Lisa? Was ist das denn für eine Liebe? Und ich soll dir helfen? Nein. Du hast mir alles genommen! Du warst einfach weg. Weißt du eigentlich wie ich mich gefühlt habe?"
Blicke fallen auf uns. Schwester Gisela geht in einen Behandlungsraum.
Romeo:"Du hast es doch überstanden und mal ehrlich, Lisa hätte deiner Karriere doch im Weg gestanden."
Ich:"Wie bitte?" Ich schreie ihn an "Du spinnst doch! Überstanden habe ich gar nichts. Was sollte ich denn tun? Du bist doch mit ihr weg."
Gisela hat Oliver geholt, welcher jetzt bei und steht. Es ist still im Vorraum geworden.
Oliver:"Entschuldigt, aber so geht das nicht. Wir sind hier in einem Krankenhaus."
Ich sage ernst und enttäuscht zugleich:"Ich weiß."
Romeo:"Ich weiß das auch."
Oliver:"Laut sind sie beide. Ich glaube, es ist besser, wenn sie gehen."
Romeo:"Warum?"
Oliver:"Um die Situation aufzulösen und damit Sie und Frau Engel sich beruhigen können. Es macht keinen Sinn, das Gespräch auf dieser Ebene fortzusetzen. Darf ich bitten?"
Er zeigt zur Tür.
Romeo:"Charlotte?" und schaut mich fragend an.
Ich:"Geh!" und zeige auf die Tür.
Romeo:"Wie du willst. Hier ist meine Nummer, falls du doch nochmal reden willst."
Romeo gibt mir eine Visitenkarte welche ich in meine Kitteltasche packe. Danach geht er.

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