Veröffentlicht am 17.12.2021
MIRIAM
Wieso dauert es so lange? Die Zeit erscheint mir langsam zu vergehen. Ich weiß, dass das nur ein Gefühl ist.
Ich versuche mich abzulenken, indem ich mich um Patienten kümmer, Kreuzworträtsel versuche zu lösen, und vieles mehr. Beim Patienten funktioniere ich als Ärztin. Da klappt die Ablenkung am besten. Alles andere funktioniert nicht. Immer wieder gehe ich zum OP und schaue nach, ob diese schon vorbei ist.
Um kurz vor 18 Uhr sitze ich in einem Behandlungsraum und versuche ein Sudoku zu machen. Die Tür öffnet sich und Dr. Debbie Fischer kommt rein.
Debbie:"Hallo Miriam. Hier steckst du. Da kann ich lange nach dir suchen. Warum gehst du nicht ans Telefon?"
Sofort hole ich es aus meiner Kitteltasche heraus, schaue darauf und stelle fest, dass der Akku leer ist.
Ich:"Mist, der Akku ist leer. Gibt es was Neues von Tabea?"
Debbie:"Nein. Die OP läuft noch. Wobei ich mich freue, dass du danach fragst."
Ich:"Ich weiß, dass ich in den letzten Wochen gemein zu ihr war. Ich war eifersüchtig auf sie. So fies ich auch war, ich wollte nie, dass ihr was Schlimmes zustößt. Das was ihr jetzt widerfahren muss ist nicht gerecht."
Debbie:"Das stimmt. Gerecht ist das nicht. Aber was ist heutzutage schon gerecht? Warum ich dich überhaupt gesucht habe. Ich übernehme deinen Dienst. Dann kannst du bei Tabea sein."
Ich:"Wirklich?"
Debbie:"Ja. Sie braucht dich jetzt."
Ich:"Danke", stocke und sage leise, "und das nach all dem was ich getan habe."
Debbie:"Jeder Mensch macht Fehler. Wichtig ist daraus zu lernen. Und ich glaube nicht, dass du sie verletzen wolltest. Für dich ist es schwer sich für jemanden zu freuen, der ein Baby bekommt, weil du um dein Kind trauerst. Das ist eine Reaktion. Wichtig ist dabei, nicht den Bezug zur Realität zu verlieren.Und auch wenn die letzte Zeit deswegen in der Klinik für alle schwer war, es sollten bessere Zeiten folgen. Ob das passiert bestimmt jeder selbst mit." Ihr Pieper geht. "Ich muss zur Notaufnahme und du solltest dich vom Dienst abmelden, dich umziehen und zum OP gehen. Vielleicht hast du Glück und Oliver lässt dich dabei sein wenn sie aufwacht."
Ich:"Ja, vielleicht."
Debbie verlässt mit schnellen Schritten den Raum.
Trotz, dass ich so gemein war, übernehmen meine Kollegen freiwillig meinen Dienst, damit ich bei Tabea sein kann. Es scheint doch noch ein Stück weit Team zu bestehen.
Ich gehe in den Umkleideraum und ziehe mich um. Danach gehe ich zum OP und setze mich davor hin. Ich hoffe, dass die OP nicht mehr so lange dauern wird und vor allem, dass sie gut ausgeht.
Um 18:30 Uhr öffnet sich die Tür vom OP-Trakt. Dr. Oliver Dreyer kommt heraus. Ich stehe auf und gehe zu ihm.
Ich schaue ihn gespannt an.
Oliver:"Bevor du fragst, die OP ist wie geplant verlaufen. Wir konnten minimalinvasiv die Plazenta vom Baby trennen und die jeweiligen Enden verschließen. Sie war die ganze Zeit Kreislauf stabil und das 1. Baby auch. Sie war auch schon kurz wach und weiß Bescheid, dass alles gut verlaufen ist."
Ich atme tief durch.
Oliver:"Wenn du möchtest kannst du zu ihr."
Ich:"Gerne möchte ich zu ihr."
Oliver:"Sie wurde zur Überwachung auf die Intensivstation verlegt. Ich wollte auch dort hin, zu Frederik. Kommst du mit?"
Ich:"Ja" und lächel.
Wir machen uns auf dem Weg zur Intensivstation.
Oliver:"Ich habe dich lange nicht mehr lächeln gesehen."
Ich:"Ich hatte auch nichts zu lachen."
Oliver:"Mmh."
Ich:"Selbst verschuldet. Ich hab mir das Leben selbst schwer gemacht."
Oliver:"Leider ja. Gut, dass du jetzt zum umdenken kommst."
Wir sind vor der Intensivstation angekommen. Wir bleiben stehen. Er schaut mich an.
Oliver:"Ich finde es gut, dass du umdenkst. Trotzallem glaube ich, dass du dir psycholigische Hilfe holen solltest. Tabea wird ein Baby bekommen und es wird ein Teil von ihr sein. Ich bin mir nicht sicher, ob du damit gut umgehen kannst. Die psychologische Hilfe könnte dir helfen, damit umzugehen. Denk mal drüber nach."
Ich:"Das mach ich."
Oliver:"Jetzt gehen wir erstmal zu Tabea."
Wir gehen auf die Intensivstation und ziehen uns Schutzkleidung. Ich folge Oliver. Er bleibt vor einer Tür stehen. Durch das Sichtfenster sehe ich, dass Dr. Frederik Seehauser dort liegt.
Ich:"Warum musste es wieder ihm passieren?"
Oliver:"Das habe ich mich auch schon gefragt. Eine Antwort darauf habe ich nicht."
Ich:"Wie ist seine Prognose?"
Oliver:"Gut. Ich gehe fest davon aus, dass er, wenn er aus dem künstlichen Koma geholt wird, aufwacht."
Ich:"Und wann soll er rausgeholt werden?"
Oliver:"Wenn er stabil bleibt, dann werde ich ihn morgen früh rausholen."
Ich:"Und dann wacht er auf und erfährt was passiert ist."
Oliver:"Er muss es schonend erfahren. Auf keinen Fall sollte er alles auf einmal erfahren. Das wäre zu viel. Da habe ich Bedenken, dass es für sein Herz zu viel wird."
Ich:"Was schlägst du vor?"
Oliver:"Aufwachen lassen und ihm mitteilen, dass es Tabea gut geht."
Ich:"Er wird sie sehen wollen."
Oliver:"Ja, aber er wird nicht zu ihr können. Je nachdem wie es Tabea geht kann sie zu ihm. Aber warten wir erstmal morgen ab."
Ich nicke. "Hoffentlich wacht er auf. Negatives möchte ich ihr nicht mehr mitteilen."
Oliver:"Ich auch nicht. Daher hoffe ich auch, dass alles gut klappt. Und jetzt gehen wir zu Tabea."
Ich folge ihm bis wir erneut vor einer Tür stehen bleibt. Durch das Sichtfenster sehe ich Tabea. Sie liegt auf einem Bett und hat die Augen geschlossen.
Oliver öffnet die Tür. Wir gehen rein und schließt die Tür hinter sich.
Oliver:"Tabea schläft ihre Narkose aus. Das kann noch eine Weile dauern."
Ich:"Ich bleibe bei ihr."
Oliver:"Das ist ok. Ich komm später nochmal wieder." und verlässt das Zimmer.
Ich gehe zum Bett. Ich nehme ein Stuhl, stelle diesen daneben und setze mich darauf hin.
In mir kreisen Gedanken. Oliver hat Recht. Ich sollte mir psychologische Hilfe holen. Das was passiert ist muss ich verarbeiten. Alleine schaffe ich es nicht. Vielleicht kann unsere Klinikpsychologin mir helfen. Ich werde mal zu ihr gehen.
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Tabeas Augen öffnen sich.
TABEA
Ich öffne meine Augen und sehe, dass Miriam neben meinem Bett sitzt.
Miriam:"Hallo Tabea. Wie geht es dir?"
Ich:"Ganz ok. Ich bin noch etwas müde. Gibt es was Neues von Frederik?"
Miriam schüttel meinen Kopf. "Oliver hat gesagt, dass, wenn er stabil bleibt, er ihn morgen aus dem künstlichen Koma holen möchte."
Ich lächel kurz.
Miriam:"Alles wird gut. Du hast die OP gut überstanden und Frederik wird aufwachen."
Ich:"Ich hoffe so sehr, dass Frederik aufwacht."
Miriam:"Wir glauben alle ganz fest daran."
Ich:"Ich auch", stocke, "nur weiß ich nicht, wie ich ihm erklären soll, dass ein Zwilling gestorben ist."
Miriam:"Du wirst die passenden Worte finden wenn es soweit ist."
Ich:"Ich möchte ihn damit nicht belasten."
Miriam:"Ich glaube, das wollen wir alle nicht. Aber ist es für dich nicht auch belastend? Du solltest auch an dich denken."
Ich:"Ich bin aber nicht herzkrank."
Miriam:"Aber schwanger und da ist Stress nicht gut."
Ich:"Ich weiß."
Miriam:"Versuch dich weiter zu erholen. Die OP war nicht einfach. Dein Körper braucht Ruhe."
Ich:"Das habe ich heute schon so oft gehört."
Miriam:"Zu Recht."
Ich merke, dass ich müder werde.
Miriam:"Versuch zu schlafen. Ich bleib bei dir wenn es für dich ok ist."
Ich nicke, schließe meine Augen und schlafe ein.
Um Mitternacht wach ich nochmal auf. Miriam sitzt noch da.
Ich:"Fahr nach Hause. Du solltest schlafen."
Miriam:"Und ich lass dich allein?"
Ich:"Nein, das machst du nicht. Es sind genug Personen hier. Und wenn du vor Müdigkeit umfällst bringt das keinem was."
Miriam:"Ok. Ich komm morgen wieder, versprochen."
Ich:"Bis morgen."
Langsam steht sie auf und stellt den Stuhl zur Seite. Sie kommt zu meinem Bett.
Miriam:"Wenn irgendwas ist kannst du mich jederzeit anrufen oder anrufen lassen."
Ich:"Das mach ich. Bis morgen."
Miriam:"Tschüß."
Ich:"Tschüß."
Miriam verlässt mein Zimmer.
Ich schließe wieder meine Augen und schlafe ein.
MIRIAM
Ich gehe zum Ausgang. Tabea hat mich nach Hause geschickt. Vermutlich ist es besser so.
Ich fahre nach Hause. Dort angekommen wird mir bewusst was heute alles passiert ist. Ich freue mich, dass ich mich mit Tabea versöhnt habe. Viel zu lange habe ich das nicht zugelassen. Heute war alles anders. Ich habe gemerkt, wie wichtig sie mir ist. Ich bin so froh, dass sie die OP gut überstanden hat. Ich mag mir nicht vorstellen wie es gewesen wäre, wenn sie das nicht überlebt hätte. Ich wäre unendlich traurig gewesen. Jetzt bin ich froh, wenn auch besorgt. Ich hoffe, dass Frederik morgen aufwacht. Ich hoffe, dass Tabea und er weiter eine Familie sein dürfen. Sie sind ein tolles Paar und bald Eltern.
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Das verlorene Kind
FanfictionDr. Charlotte Engel ist 32 Jahre, Ärztin und arbeitet in der Klinik am Südring. Sie ist eine gute, beliebte Ärztin. Von ihren Kollegen wird sie sehr geschätzt, u.a. für ihre einfühlsame Art, wie auch ihrer Hilfsbereitschaft. Sie versucht jeden Fall...
