Seine Worte, die Art wie er sprach, lösten eine Gänsehaut in ihr aus.
Sie wollte zu ihm gehen, ihn küssen und umarmen, ihn spüren und ihr Gesicht in seine Haare legen, an seinen Hals, seinen Herzschlag hören, seine Arme um sich spüren.
Die Wut in ihr hielt sie allerdings davon ab, verschob die positiven Gefühle und stürzte sie wieder einmal in ein tiefes Chaos.
Sie hatte das Gefühl von dem höchsten Gipfel in die tiefste Schlucht zu stürzen, von einer alles erhellenden Lichtflut in eine alles verschlingende Dunkelheit.
Das Glühen in ihren Augen intensivierte sich noch, sie merkte die Dunkelheit in sich aufkommen, die Dunkelheit, die ihren Kopf verhüllte.
Da war kein Licht mehr in ihr, nichts Positives.
Ihre Augen wechselten vom Amber in das Blitzweiß, wie schon in Dumbledores Büro, als sie die Kontrolle verloren hatte. Sie war eine tickende Zeitbombe, Schatten legten sich auf ihr Gesicht, sie glich dem Sturm, der draußen über die Ländereien zog.
Severus erkannte den Zustand sofort, er stand schnell auf, ging zu ihr und legte seine Hände an ihr Gesicht, versuchte in ihre Augen einzudringen.
„Miss Granger... Miss Granger...", versuchte er sie zu erreichen. Die Blitze legten sich auf seine Hände, sie brannten auf seiner Haut, aber er wollte sie nicht zurückziehen. Er wollte sie nicht der Dunkelheit überlassen, denn er wusste nicht, ob und wann sie wieder aus ihr auftauchen würde.
„Hermine!", sagte er laut und klar, ihre Augen bewegten sich ein Stück und sie sah ihm tief in die Augen. Der Schein ihrer Augen blendete ihn, aber er zwang sich weiter in sie einzutauchen.
Hermine konnte nicht länger klare Gedanken fassen, sie überließ ihren Körper dem Feuer und wurde immer weiter in den Sog der Schatten gezogen.
Sie fühlte sich schwach, hatte das Gefühl von unten aus einem schwarzen Loch zu blicken und das erlösende Licht entfernte sich immer weiter von ihr.
Je heller ihre Augen schienen, desto dunkler wurde es in ihrem Inneren. Sie hörte von weiter Ferne ihren Namen, eine dunkle sonore Stimme versucht sie zu erreichen. Auch wenn sie von Dunkelheit umhüllt war, so sah sie nun in ein noch tieferes Schwarz, was versuchte zu ihr durchzudringen.
Es umschloss sie, hüllte sie ein, sie fühlte, dass dieses Obsidian in sie eindrang, dass jede Zelle in ihr die Schwärze aufnahm und sich ihr anpasste.
Sie wurde in Schwarz getaucht, ertränkt.
Severus sah sie eindringlich an, das blitz-weiß ihrer Augen ebbte langsam ab, verwandelte sich in ein Tiefschwarz, ein Obsidian, schwarze Augen sahen in schwarze Augen. Hermine legte wie in Trance eine Hand an seine Wange, sie lächelte, als sich ihr Blick langsam aufklärte.
Sie sah sein Gesicht, es war besorgt und von Ängsten und Anspannung umschattet.
Er musste wegen ihr immer wieder leiden, es tat ihr in der Seele weh, ihn so zu sehen. Sie war nur eine Last und eine Bürde für ihn.
Sie konnte und wollte nicht so weiter machen. Er hatte nicht verdient, solche Gedanken zu haben, er hatte genug in seinem Leben durchmachen müssen.
„Ich kann das nicht", sagte sie gehaucht. „Ich würde so gerne das sein, was Sie brauchen und verdienen, aber ich bin ein einziges Chaos und ich stürze alle um mich herum in ein noch größeres Chaos. Ich kann mich einfach nicht erinnern... ich weiß nicht mehr, wer ich bin oder sein muss.", sagte sie traurig, heiße Tränen liefen an ihrer Wange entlang.
Severus schluckte, es war wie ein Messerstich in seinem Herzen. Er hatte das Gefühl, sie stand so kurz davor, wieder alles zu wissen, ihre Augen waren Obsidian, wie seine.
Sie war kurz vor der Oberfläche, kurz vor der rettenden Luft und sie tauchte wieder unter. Sie versagte sich selbst die verdiente Wahrheit.
Er wusste nicht, dass sie den Schmerz, den sie in ihm spürte nicht mehr ertragen konnte. Er dachte, sie würde aufgeben, freiwillig.
Dass sie es seinetwegen tat, erkannte er nicht.
Seine Augen füllten sich mit Tränen, er ließ sie langsam los, ließ sie gehen.
„Es tut mir so leid", sagte sie weinend, er strich ihr ein letztes Mal die Tränen aus dem Gesicht und nickte, dann drehte Hermine sich um, zauberte sich ihre Sachen wieder an und verließ Hals über Kopf seine Räume.
Sie lief und lief, immer weiter, aus den Kerkern, aus der Eingangshalle, über den Innenhof, über die Wiesen von Hogwarts, rein in den Verbotenen Wald, tief und tiefer in hohe, nah beieinander stehende Bäume, die, je weiter sie in den Wald lief, immer weniger Licht durchließen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit stand sie auf einer kleinen Lichtung, hohes Gras mit schönen Blumen zogen ihren Blick auf die freie Fläche.
Am Rand der Lichtung waren große glatte Steine, sie bildeten eine Art Begrenzung, Hermine hatte diesen Ort noch nie gesehen, sie wusste nicht, dass er überhaupt existierte.
Die Baumkronen bildeten hier eine Art Loch, durch das das Licht der Sonne den Boden berühren konnte.
Es sah aus, als wäre es ein heiliger Ort, ein Ort des Lichts und der Zuflucht in der sonst so dunklen Welt um sie herum. Schmetterlingen flogen umher, Schwalben zogen durch die „Begrezungsbäume" und zwitscherten aufgeregt.
Hermine ging in die Mitte der Lichtung und ließ sich ins Gras nieder. Sie atmete durch, hatte das erste Mal seit langem das Gefühl, wieder frische Luft in ihre Lungen zu pumpen.
Es beruhigte sie, ihre Gedanken waren immer noch viel zu aufgeregt. Zu viel Schmerz, zu viele Gefühle, die auf sie niederprasselten. Sie hatte ihn stehen lassen, sein Herz war gebrochen, das hatte sie gespürte, wieder kamen Tränen in ihr hoch und liefen über ihre Wangen.
Dass sie so von seinen Gefühlen und seinem Schicksal berührt wurde, verriet ihr eine Wahrheit, die sie nun immer weiter verdrängte. Nein... ich kann es nicht, ich würde ihm immer wieder nur wehtun, wie kann man ein Leben leben, wenn man nicht mal weiß, wer man war?, fragte sie sich innerlich.
Natürlich wusste sie, wer sie war, aber sie hatte in den letzten Tagen so viele Neuigkeiten über sich selbst erfahren, dass sie wirklich nicht mehr wusste, wer oder was sie war.
Sie ließ sich ins Gras sinken und starrte in den Himmel.
Der Sturm war vorüber gezogen, strahlender Sonnenschein und ein hellblauer Himmel. Hier und da zogen leichte Wolken über das Blau. Hermine lächelte, sie schloss erschöpft die Augen und sank schnell in einen tiefen Schlaf.
Währenddessen hatte sich Severus in sein Bett gelegt, er hatte keine Kraft mehr, er wollte keine Kraft mehr haben, wollte nicht mehr stark sein und kämpfen. Er wollte einfach nur der Trauer nachgeben, die sich tonnenschwer über ihn legte, ihn einengte und erdrückte.
Nach gefühlten Stunden hörte er eine Stimme in seinem Wohnzimmer, Albus war in seine Räume gekommen, aber es war ihm egal.
„Severus??", fragte der Schulleiter aufgeregt, er lief schnell durch die Räume und suchte ihn, kam dann ins Schlafzimmer und blieb abrupt stehen.
„Severus?", fragte er noch einmal, aber sehr viel langsamer und vorsichtiger.
„Wo ist sie?", wollte der Schulleiter leise wissen.
Severus sagte nichts, er wollte und konnte nichts sagen. Er versank weiter in seiner Trauer.
Albus ging vorsichtig um das Bett herum, setzte sich langsam auf die Bettkante und musterte ihn.
„Ich kann sie nicht mehr ausmachen... wo ist sie?", fragte er wieder.
„Ich weiß es nicht", sagte Severus nach einer Weile mit einer schwachen Stimme.
Albus erschrak leicht, als er seine Stimme hörte. Das war nicht länger Severus Snape vor ihm, das war ein gebrochenes Abbild seines Ziehsohns, seines Freundes. Er legte eine Hand auf seinen Arm, versuchte ihm seine Trauer zu nehmen.
Nach einer weiteren Weile sah Severus langsam zu ihm, sein Blick wirkte müde.
„Was ist passiert?", fragte Albus und musterte ihn.
„Sie kann es nicht", sagte er mit einem bitteren leichten Lächeln, „Sie meint, sie ist ein Chaos und stürzt alles um sie in Chaos. Sie wüsste nicht mehr, wer sie ist oder sein muss...", sagte er, Tränen liefen ihm bei den Worten über sein Gesicht.
Albus sah ihn besorgt an, so hatte er ihn seit Lilys Tod nicht mehr gesehen.
„Gib ihr Zeit.", sagte er und strich aufmunternd über seinen Arm.
„Nein Albus, egal wie viel Zeit vergehen wird... es wird kein gutes Ende geben.", sagte er hoffnungslos.
Der Schulleiter atmete schwer ein und aus, es tat ihm leid, dass Severus am Boden zerstört war, dass er keine Hoffnungen mehr in sich trug.
DU LIEST GERADE
Schlimmstenfalls wird alles Gut
Fanfiction7 Jahre nach Ende des Krieges- Hermine, Ron und Harry arbeiten im Ministerium. Ron und Harry sind gefragte Auroren, Hermine hat ein Studium in Zaubertränke und Arithmantik abgeschlossen. Ihr Leben verläuft ruhig bis zu dem Tag, an dem sie vom Minis...
