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Der Alkohol drückte mir auf den Magen und ich wusste, ich würde mich heute noch übergeben. Ich hoffte nur, dass es nicht in diesem Auto oder im Beisein von Vegas passieren wird. Immer wieder liefen mir Tränen über die Wange, die ich nicht zurückhalten konnte. Ich fühlte mich so sehr betrogen. Ich sollte es ihm auf die gleiche Weise heimzahlen, ihm sein Herz Stück für Stück zerschlagen, bis nichts mehr davon übrig ist und ihn dann in den Müll werfen. Ich habe ihm alles gegeben. Meine Liebe meine Zeit und mein Vertrauen und er hat alles mit Füßen getreten und drauf gespuckt.

Die Tür ging auf und Vegas setzte sich neben mich, während seine Bodyguards vorne einstiegen. Als wir langsam losfuhren und an der Bar wegen Stau anhalten mussten, bekam ich einen Herzinfarkt. Kinn stand draußen und sah mich direkt an. Ich war noch nicht bereit ihm alles zu erklären, vor allem weil ich selber nicht wusste, was passieren wird. -Hey, beruhige dich!- sagte Vegas und legte seine Hand auf mein Knie. Aber wie sollte ich mich beruhigen? Ich hinterging gerade meinen Besten Freund. -Er kann dich nicht sehen,ok? Die Scheiben sind verdunkelt. Er erkennt nur meinen Wagen, das wars aber auch schon.- Jetzt, wo er es mir erklärt hatte, sah ich es. Kinn sah nicht mich an, sondern durch mich hindurch. Erleichtert löste ich meinen Blick von ihm und sah auf meine Hände. Das Auto fuhr weiter und die Bäume zogen an meinem Fenster vorbei. Was machte ich hier überhaupt? Mit dieser Entscheidung tat ich allen Menschen weh, die mir wichtig waren. Allerdings empfand ich in Vegas Nähe eine unerklärlichene Ruhe, die ich gerade dringend benötigte. Kinns geschockter Blick tauchte wieder vor meinem inneren Auge auf. Mir wurde übel. -Kannst du mich bitte hier raus lassen? Das war eine dumme Idee. Entschuldige, dass ich deine Zeit gestohlen habe.- sagte ich und unterdrückte den Würgereiz. -Du musst nicht mit zu mir, aber lass mich dich irgendwo absetzen. Du bist betrunken und ich lasse dich so nicht durch die Straßen laufen.-

Meine Emotionen überschlugen sich. Time, der sich mit einem anderen Vergnügt hatte. Kinn, der zutiefst Verletzt wäre, würde er wissen, wo ich gerade war. Und ich selber, der nirgends hingehörte und am Besten einfach verschwinden sollte. -Nein! Halten sie das Auto an!- fuhr ich den Fahrer an, der aber erst zu Vegas sah, um seine Bestätigung zu bekommen. Argwöhnisch sah ich Vegas an, aber er nickte seinem Fahrer zu, der dann an der Seite anhielt. Ich riss die Tür auf und lief zu den Büschen am Straßenrand um mich dort zu übergeben. Ich hörte die Tür zuschlagen und das Auto wegfahren. Als mein Magen leer war wischte ich mir mit einem Tuch über den Mund und stellte mich wieder hin. Als ich mich zur Straße drehte, stand Vegas da. Mein Herz machte einen Aussetzer. Ich hatte niemanden hinter mir erwartet, vor allem weil das Auto nicht mehr da war. -Was machst du noch hier? Ich habe doch gesagt ich habe mich umentschieden.- sagte ich wütend. -Und ich habe dir gesagt, dass ich dich dort hinbringen werde, wo du dich entscheidest hinzugehen.- er war ruhig, was mich noch wütender machte. -Wieso? Was erhoffst du dir davon? Willst du mich benutzen um Kinn einen auszuwischen? Hier!- ich ging auf ihn zu und holte sein Handy aus seiner Hosentasche, öffnete die Kamera und stellte mich neben ihn um ein Foto zu machen. -Bitte, jetzt hast du was du brauchst also lass mich in Ruhe!- Es war nicht fair. Vegas hätte schon etliche Möglichkeiten gehabt Kinn von unseren zufälligen Treffen zu erzählen. Aber wieso sonst, war er so nett zu mir? -Wer hat dich so sehr verletzt, dass du jeden, der dir helfen möchte wegstößt?- er sprach leise und ich fragte mich ob er wirklich eine Antwort darauf wollte. Aber mit diesem Satz, durchbrach er meine Mauern und ich konnte mich nicht mehr halten. Die Tränen liefen und ich weinte bitterlich. Mein Körper gab auf und ich sackte zusammen, doch bevor ich fallen konnte, war Vegas da und drückte mich an seine Brust. Er hielt mich einfach nur fest und ließ mich sein Hemd mit meinen Tränen ruinieren. Ich ließ alles raus. Meinen Schmerz, meine Wut und meinen Hass. Schluchzend und immer wieder nach Luft schnappend drückte ich mich an seine breite Brust und gab mich meinem Schmerz hin. So wie er mich hielt war es leichter loszulassen. Ich weiß nicht wie viel Zeit vergangen war, aber als ich einfach zu müde war um weiter zu weinen, hob ich meinen Kopf und versuchte mich wieder selber zu stützen. -Bitte Entschuldige. Ich bin zur Zeit keine gute Gesellschaft. Das Hemd ersetze ich dir. Aber danke, dass du geblieben bist.- ich wischte mir über meine feuchten Wangen und lächelte ihn verlegen an. -Du brauchst mir nichts zu ersetzen. Geht es dir etwas besser? Möchtest du reden?- fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf. Ich musste meine Gedanken erst noch ordnen und ich war müde. -Nein, noch nicht. Trotzdem danke für heute.-

Ich beschloss zurück nach Hause zu gehen. Egal was mich dort erwarten würde, ich konnte nicht einfach abhauen und alles hinter mir lassen. Dazu kam, dass ich meine Bilder für die Ausstellung nächste Woche vorbereiten musste.

Vegas begleitete mich. Ich war mir sicher er wollte mich auf andere Gedanken bringen denn er erzählte mir Geschichten aus seiner Kindheit und seiner Jugend. So langsam verstand ich, wieso er Kinn immer vorführen wollte. Sein Vater war ein Tyrann und Vegas hatte sein ganzes Leben versucht in zufriedenzustellen. Es war eigenartig. Wir wuchsen in völlig verschiedenen Welten auf und trotzdem hatten sich unsere Wege immer wieder gekreuzt. Wir hatten diese Verbindung miteinander, die ich nicht benennen konnte, aber in seiner Nähe fühlte ich mich immer besser.

Vor dem Haus blieben wir stehen. -Danke, für deine Geduld und dass du mich begleitet hast.- ich ging auf ihn zu und umarmte ihn, um meine Dankbarkeit zu unterstreichen. Er legte beide Arme um meine Hüften und zog mich einen Moment fest an sich. -Ruh dich aus.- sagte er, dann gab er mich frei verschwand in der Dunkelheit.

An der Haustür angekommen, sah ich, dass der Alarm ausgeschaltet war. Das bedeutete Time war zu Hause. Ich war bereit mich ihm und allem, was darin gerade vor sich ging zu stellen.

Es war unerwartet still und dunkel, nur von der Treppe kam Licht. Ich zog meine Schuhe aus und ging ins Wohnzimmer. Dort saß Time mit einem Glas in seiner Hand, er sah wütend aus und auf dem Boden lag sein Handy in unendlich viele Einzelteilen zersprungen. Ich stelle mich in den Türrahmen und fragte ihn gerade heraus. -Wo warst du?- sein Kopf wurde rot und er sah mich wutentbrannt an. -Du bist plötzlich verschwunden. Kinn sagte du bist raus weil es MIR schlecht ging und als ich zu Hause ankam warst du nicht hier, aber eine Mailbox Nachricht. Was sollte das? Wo bist du gewesen?- mit jedem Wort wurde er lauter und am Ende erschrak ich, allerdings ließ ich mir nichts anmerken. -Ich habe dich doch gesehen, mit dem blonden Typen. Und dann warst du weg, sorry dass ich mir diese Blöße nicht geben wollte. Hat es sich wenigstens gelohnt?- Meine Stimme war ruhig, aber abwertend denn egal wie laut er wurde, ich war im Recht. -Seit wann ist tanzen ein Verbrechen? Hör auf mir Sachen zu unterstellen, die nicht passiert sind!- Er wurde immer wütender und ich wusste, er war gefangen in seiner Rage. Das hier hatte heute keinen Sinn mehr. -Du bist betrunken. Ich gehe schlafen.- gerade als ich mich umdrehen wolllte, warf er sein Glas voller Tobsucht an die Wand neben mir, es zerbrach und unglücklicher Weise traf ein Splitter meinen Handrücken. Reflexartig zog ich sie zurück und sah drauf. Ein Bluttropfen lief meine Hand herunter aber es war kein tiefer Schnitt.

Time sah geschockt auf meine Hand und kam direkt auf mich zu. -Tay, das wollte ich nicht. Es tut mir leid- Der Schock hatte ihn wieder zurück geholt und er hatte sich wieder im Griff. -Ich weiß. Es geht schon.- egal wie sehr wir stritten oder ich ihn provozierte. Er hatte mir noch nie körperlich wehgetan und das wollte er gerade auch nicht. Trotzdem konnte ich hier nicht stehen bleiben, denn ich konnte mein eigenes Blut nicht sehen. Ich spürte wie ich ohnmächtig wurde und mein Bewusstsein verlor. Als mich die Dunkelheit umschloss, spürte ich nur noch seine Arme, die mich davon abhielten, auf den Boden zu fallen.

Als ich langsam wieder zu mir kam, nahm ich meine Matratze unter mir und ein kühles Tuch auf meiner Stirn war. Time hielt meine Hand und klebte etwas drauf. Es war leise und friedlich. Ich wollte den Augenblick noch ein wenig länger genießen, also rührte ich mich nicht. Wie war es möglich, dass die größte Zuflucht und der größte Schmerz beides zu der gleichen Person gehörten? Time nahm mir vorsichtig meinen Schmuck ab, zog meine Hose und meinen Pullover aus und legte die Decke über mich. Nach ein paar Minuten spürte ich, wie die Matratze nachgab und dann seinen Arm, den er vorsichtig unter meinen Kopf schob. Er nahm meine verletzte Hand, küsste sie und setzte einen weiteren Kuss auf meinen Scheitel. -Ich liebe dich Taytay.- flüsterte er mir leise ins Ohr. Danach verschwamm alles und ich schlief ein.

Nachdem wir morgens aufwachten, redeten wir in Ruhe. Time versicherte mir, dass zwischen ihm und dem Blonden von gestern nichts lief und ich knickte ein, so wie jedes Mal. Nächstes Wochenende war die Ausstellung und ich musste für einige Tage die Stadt verlassen, damit ich vor Ort präsent war. Time musste am Tag der Eröffnung auf eine Geschäftsreise, also einigten wir uns, dass ich bis zur Auktion dort bleiben würde und er sobald er fertig war nachkam.

Ich war die ganze Woche mit packen und organisieren beschäftigt. Der Tag der Abreise war viel zu schnell da und ich fand mich am Flughafen wieder, mit meinen Koffern, meinem Reisepass und meinem Handy in der Hand wieder. Meine Eltern riefen mich immer an, bevor ich in einen Flieger stiegt. Sie sagten das würde Glück bringen. Sie bedauerten es keine Karten mehr bekommen zu haben, aber die Ausstellung war bevor ich angefragt wurde schon ausgebucht. Sie wünschten mir viel Erfolg und einen sicheren Flug und dann saß ich auch schon in Flieger.

Seit dem du da bistWo Geschichten leben. Entdecke jetzt