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•Marks Sicht•

Am nächsten Tag standen wir vier etwa gegen 10 Uhr auf. Die anderen holten uns Frühstück von dem kleinen Café im Dorf, während ich meinen Gästebucheintrag schrieb und wir tauschten am Frühstückstisch noch Handynummern aus. Dabei fiel mir auf, dass ich Lena gestern Abend gar nicht geschrieben hatte.

Als ich mein Handy anschaltete prasselten deshalb direkt mehrere Nachrichten und Anrufversuche auf mich ein. „Entschuldigung, ich muss kurz telefonieren", sagte ich schnell und lief uns Häusereck, bevor ich Lena anrief. Sie nahm sofort an und wollte wissen, was los ist. Fuck, sie hatte sich wirklich Sorgen gemacht und ich Depp hatte einfach nur vergessen mich zu melden. „Es ist alles gut, es tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe gestern Abend. Ich... ich hab hier vier Jungs getroffen und wir haben die ganze Zeit gequatscht und so, es... sorry", murmelte ich kleinlaut. „Du... hast es einfach nur vergessen?", wollte sie sichergehen. Ich hörte, dass sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass sie enttäuscht war. „Ich... ja... tut mir leid", sagte ich. „Mir auch", sagte sie plötzlich wütend und legte auf. Ich schluckte. Wieso war ich so dumm? Ich wusste, dass sie sich Sorgen machte. Sie hatte sogar in ihrer Wetterapp mein Wetter, wollte abends wissen wo ich bin und ich? Ich hatte einfach vergessen zu schreiben. Ein einfaches: ‚Bin angekommen, gute Nacht' hätte gereicht.

Frustriert ging ich zurück zu den anderen. Es hatte keinen Sinn sie nochmal anzurufen oder ihr zu schreiben. Sie war sauer und zwar zu Recht. Das Frühstück war dann recht schnell beendet. Meine gute Laune war dem schlechten Gewissen gewichen und ich wollte los, zur Bushaltestelle, um in die nächste Stadt zu fahren und ein paar Sachen nachzukaufen, bevor ich zurückfahren und weiter wandern würde. Also verabschiedete ich mich herzlich von den vier Jungs bevor ich losging.

Wie konnte ich Lena vergessen? Ich hatte sogar noch ihren Song gesungen. Selbst Matti, der mich grade ein paar Stunden kannte, hatte gefragt, ob sie wirklich nur meine beste Freundin war. Vielleicht hatte er recht? Wir hatten uns öfter geküsst, ja. Sie hatte mich immer wieder verletzt, indem sie danach tat als wäre nichts. Hätte mir das wehgetan, wenn ich nicht mehr für sie empfinden würde? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich hatte er recht und ich hatte Gefühle für sie. Irgendwie wusste ich, dass es ihr genauso ging. Sie war so besorgt, wusste jedes Mal, dass sie mir wehtat wenn sie ging, hatte mich dennoch immer wieder geküsst und war mir näher als so ziemlich alle anderen Menschen dieser Welt. Andererseits... vielleicht war das nur meine Hoffnung. Vielleicht war ich für sie nur der beste Freund, der immer für sie da war und den sie nicht verlieren wollte.

Die Busansage unterbrach meine Gedanken. Ich musste aussteigen. Im Supermarkt kaufte ich also ein paar der wichtigsten Sachen nach. Es war gar nicht so einfach alles zu finden, da die Halle riesig war. Erst nach einer knappen halben Stunde war ich wieder draußen. Mit dem Bus ging's zurück nach Mörtfors, von wo mich der heutige Weg nach Stjärneberg führte.

Der Weg war nicht ganz so schön wie die letzten Tage aber auch nicht anspruchsvoller. Meine Gedanken kreisten um Lena. Wie sollte ich mich bei ihr entschuldigen? Ich hasste es per Telefon zu streiten. Ich hasste es überhaupt zu streiten. Wenn man das überhaupt Streit nennen konnte. Sie war halt sauer auf mich, weil ich dumm war. Natürlich fing es passend dazu wieder an zu regnen. Ich musste etwas vorsichtiger gehen, um nicht auszurutschen aber nach insgesamt vier Stunden erreichte ich die Hütte. Es roch nicht sehr gut darin und überhaupt war sie nicht wirklich einladend. Allerdings wurde der Regen schlimmer und genug Zeit die nächste Etappe noch zu laufen hatte ich auch nicht mehr, da ich so spät losgelaufen war.

Frustriert ließ ich meinen Rucksack fallen und setzte mich auf einen alten Holzstuhl. Ich vergrub mein Gesicht in den Händen. Wieso tat ich das hier? Tagelang umherlaufen in der Hoffnung ‚zu sich selbst zu finden'. Was sollte das bringen? Ich wollte Lena schreiben, dass ich angekommen war aber ich wusste nicht so richtig wie. So kam es, dass ich erst kurz vor dem einschlafen ein knappes „Bin angekommen, gute Nacht ❤️", sendete. Im selben Moment kam mir das Herz zu viel vor aber ich konnte es nicht mehr ändern und vielleicht... vielleicht war es nichtmal zu viel. Seufzend legte ich mein Handy weg und schlief erst nach Ewigkeiten ein.

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