Kapitel 5

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Samu wusste nicht, wann er das letzte Mal so entspannt war, beim ausführen seiner ganz grossen Leidenschaft, der Musik. Seit einigen Monaten, war es nur noch ein Krampf. Ja, sogar ein Müssen. Jede Probe. Jeder Gang auf die Bühne, fühlte sich an, als würde man ihm eine Waffe an den Kopf halten und ihn dazu zwingen, das zu tun, was für Samu früher Entspannung pur war.
Dann war es nur noch die reinste Tortur und von Spass keine Spur mehr.
Erst gestern, als er zusammen mit Riku im Studio sass, war wieder etwas anders. Ganz genau erklären oder beschreiben, konnte Samu es, in dem Moment, nicht. Es fühlte sich jedoch nicht mehr an, als würde er einen Block Beton in den Händen halten und mit seinen Fingern, Stahlseile bearbeiten. Auch singen, fühlte sich in dem Moment, nicht mehr an, als müsse er jedes Wort und jeden Ton aus sich hinaus würgen.
Als Samu dann, nachdem es ihn schon den ganzen Abend in seinen Fingern gejuckt hatte, auf Rikus Aufforderung, diese kleine Bühne betrat und vor sich, das kleine, aber um so feinere Publikum sah, war es leicht. Alles, war auf einmal wieder leicht. Die Gitarre auf seinem Schoss und seine Finger an den Saiten seiner Lady. Das leichte Vibrieren seiner Gitarre an seinem Körper, als er ihr den ersten Ton entlockte. Seine Stimme hörte sich an wie früher. Es war wieder ein Leichtes, ihr einen reinen Ton zu entlocken. Als Riku dann erneut, in sein Spiel einstieg und es dadurch erst zu einem Ganzen machte, hatte Samu das Gefühl, endlich wieder frei zu sein. Bei jedem Akkord und jedem weiteren Lied, etwas mehr. Bis er irgendwann das Gefühl hatte, zu fliegen. Am liebsten, hätte er die ganze Welt umarmt. Allen voran Riku. Er, der nichts von der ganzen Scheisse, in Samus Innern, wusste. Er, der einfach auf einmal da war. Im Studio, in seiner Musik, in seinen Liedern, in seiner Stimme, in seinem Leben. Er, der nichts mit Absicht tat, ausser ins Studio zu kommen und ihren Traum zu retten. Dennoch, tat er so viel mehr. Riku hatte nicht bloss den Traum von Sunrise Avenue gerettet, sondern Samu selber. Seine Seele und sein Herz, die sich beide, vor der Musik verschlossen hatten und Samu dadurch beinahe in eine tiefe und dunkle Verzweiflung stürzten. Es war nicht der Augenblick im Studio. Sondern jeder einzelne Moment im Kuudas Linjas. Als zwei, sich eigentlich fremde Typen, mit der selben Leidenschaft, zusammen sassen und zu einem wurden. Mit jedem Akkord ihrer Gitarren und jedem Ton ihrer Stimmen, ein Stück weit mehr. Rikus tiefe Leidenschaft zu dem, was er machte und die Freude daran, sprang auf Samu über und auf einmal, konnte er es auch wieder spüren. Die Freude am Spielen. Es war jedoch nicht bloss das. Es war mehr.
Riku machte jedes Lied, welches sie zusammen spielten, perfekt. Nie zuvor, hatten seine Songs, die Songs, die er mit seinen Jungs aufgenommen und Abend für Abend auf der Bühne gespielt hatten, eine solche Dynamik. Eine Tiefe und so viel Herzblut, wie in dem Augenblick, als Samu sie mit Riku gespielt hatte. Der Himmel, musste Riku geschickt haben. Anders, konnte es sich Samu nicht erklären.
Samu sah, aus seinen Gedanken auftauchend, zu Riku, der irgendwas auf seiner Gitarre spielte. Wieder, spürte er es. Sie hatten schon den ein oder anderen Song zusammen gespielt. Irgendwelche. Die, die ihnen gerade in den Sinn kamen. Die Harmonie, war immer noch da. Ohne dass Samu es merkte, spielte er einen Song an, worauf Riku in seinem inne hielt.
„Things weren't going my way. I was feeling down all the time. You held me through the pain. Stood by me in the rain. So today I'm free. Feeling fine all the time. Don't have to wait and see. We're on a one-way dream.“, fing Samu an zu singen.
Riku spürte schnell den Klang und stieg in den Song mit ein. Ohne wirklich zu wissen, dass dieser Song eigentlich eine Tempo Nummer war und was er, genau in dem Moment, bei Samu auslöste.
„Like the clouds, I'm flying and I'm...And now I'm flying high above the sky. And it's all because of you. I got a feeling in my heart. My Life can really start. And it's all because of you.“, dieser Song, war nicht mehr einfach bloss ein Song, welcher von Liebe sprach. Es war ein Song über Freundschaft und  beschrieb gerade mehr als deutlich und genau, was Samu fühlte und was Riku in ihm heilte. Samu musste sich verdammt anstrengen, um nicht auf der Stelle, in Tränen aus zu brechen.
„I'll defend this fairytale. For me it's true 'til the end. Something more than real. With you I can't pretend. So today I'm free. Feeling fine all the time. Don't have to wait and see. We're on a one-way dream. Like the clouds I'm flying and I'm...And now I'm flying high above the sky. And it's all because of you. I got a feeling in my heart. My life can really start. And it's all because of you.“, beendete Samu den Song und liess seine Gitarre verklingen, während die von Riku weiter klang und erst ein paar Akkorde später verstummte. Jetzt erst merkte Samu, wie ihm, beim letzten Teil des Songs, dann doch die Emotionen übermannten und Tränen seine Augen verliessen.
„Das klang gar nicht mal so schlecht, oder?“ Riku freute sich jedes Mal darüber, dass sie so gut harmonierten. Als Samu nicht darauf reagierte, sah Riku zu ihm rüber. „Samu?“, Erstaunen, machte sich auf seinem Gesicht breit. Samu hatte sein Gesicht in seinem Arm, der auf der Gitarre ruhte vergraben und Riku konnte deutlich hören, wie er schluchzte. Dabei schüttelte es seinen Körper immer mal wieder. Riku legte seine Gitarre beiseite und setzte sich näher zu Samu. Zögerlich, legte er ihm die Hand auf seine Schulter.„Hey, als in Ordnung?“
Rikus sanfte, einfühlsame Stimme, drang nur unscheinbar an Samus Ohr. Dennoch hob Samu den Kopf und sah ihn mit verweinten Augen an, um ihm, im nächsten Augenblick, um den Hals zu fallen. Erneut, überrollte Samu ein Schluchzen, gefolgt von einem Beben, welches seinen Körper schüttelte. Riku nahm Samu die Gitarre aus der Hand und zog ihn dann in eine feste Umarmung.
Noch nie, hatte eine eigentlich fremde Person vor ihm geweint und noch nie, verspürte Riku das Bedürfnis, jemanden in den Arm zu nehmen, den er nicht kannte. Samu klammerte sich förmlich an Riku, während dieser ihn festhielt und ihm beruhigend über den Rücken strich. Scheinbar eine Ewigkeit, sassen sie so da. Bis Samu sich von Riku löste, über das nasse Gesicht strich und Riku an sah. „Tut mir leid. Ich...“
„Alles gut. Kein Problem. Ich sags auch keinem.“, unterbrach ihn Riku.
Samu lächelte. „Die anderen wissen, dass ich eine Heulsuse bin.“
„Möchtest du darüber sprechen?“ Riku sah ihn fragend an.
Er war ein Fremder für ihn. Und doch, war er vor ihm in Tränen ausgebrochen und heulte wie ein kleines Kind. Samu musterte Riku und sah ihm in seine graublauen Augen. Sie strahlten so viel Wärme und Vertrauen aus, dass man gar nicht anders konnte, als sich ihm an zu vertrauen.
„Du musst nicht, wenn du nicht willst. War nur ein Angebot.“ Riku bemerkte natürlich Samus Zögern und wollte ihm dadurch zeigen, dass er sich nicht gezwungen fühlen sollte. Vielleicht war es ja gut, wenn sie von Anfang an, ehrlich mit einander waren. Sie waren eins und tief in ihrem Innern verbunden, wenn sie zusammen Musik machten. Warum also nicht auf einer greifbareren Ebene, eine Beziehung aufbauen. Riku schien so ein Typ zu sein, dem man sich einfach anvertrauen wollte. Und es auch, ohne Kompromisse, konnte. Bei ihm, war sicher so einiges sicher aufgehoben.
Samu amtete tief durch. „Die letzte Zeit, war nicht gerade einfach.“
„Das dachte ich mir schon. Die Jungs reagierten im Kuudas Linja, als wärst du neu auferstanden.“
Samu lachte kurz auf, bevor er wieder ernst wurde. „Das könnte man auch so sagen. Irgendwie. Willst du dir das wirklich anhören? Ich bin gerade nicht unbedingt der Sonnenschein, wie viele denken.“
Riku zuckte mit den Schultern. „Der Schein trügt bei vielen Menschen. Und deswegen, denke ich danach bestimmt nicht schlechter von dir. Jeder von uns, hat mal solche schlechten Zeiten.“
Erneut, stiegen Samu Tränen in die Augen.„Bier?“, fragte er Riku mit erstickter Stimme und stand auf.
Dieser nickte und folgte Samu zurück ins Wohnzimmer. Setzte sich dort auf das Sofa, während Samu in der Küche verschwand, um dann mit zwei Bier zurück zukommen.
„Ich wollte die Musik an den Nagel hängen.“ Samu setzte sich neben Riku.
„Du wolltest was?“, ungläubig sah Riku ihn an. Samu nickte. „Das weiss nur niemand. Es wäre mir gerade recht gekommen, wenn wir keinen neuen Gitarristen gefunden hätten. Denn so wäre der Traum 'Sunrise Avenue' so oder so Geschichte gewesen.“
„Dann hab ich dir ja einen ziemlichen Strich durch deine Rechnung gemacht.“ Samu lächelte. „Na ja, wie man es nimmt. Eigentlich nein. Im Gegenteil.“
„Das verstehe ich jetzt nicht.“ Riku sah Samu fragend an.
„Dieser Drang, nichts mehr mit Musik zu tun zu haben, kam ja nicht ganz freiwillig.“ Riku ahnte, wer dafür verantwortlich war.„Janne?“
Samu nickte und schluckte schwer. „Mein ehemals und scheinbar bester Freund. Ich wusste, dass er ergeizig war und dass er es liebte, im Rampenlicht zu stehen.“ Samu nahm einen grossen Schluck Bier. „Was ich nicht wusste und nicht einmal ahnte, war dass er es die ganze Zeit auf meinen 'Posten' abgesehen hatte. Er wollte an die Spitze. Koste es was es wolle.“ Samu fuhr sich durch die Haare. „Ich habe, im Nachhinein, so viel erfahren, dass es mir immer noch schlecht wird, wenn ich daran denke. Janne führte ein verdammt falsches und mieses Spiel, mit uns allen, aber am meisten mit...mit mir. Psychischer Terror vom feinsten, um so die anderen, auf seine Seite zu ziehen und mich los zu werden.“ Details, wollte er Riku und sich selber ersparen. Zu sehr tat es noch weh. Samu wischte sich erneut mit dem Ärmel übers Gesicht und stellte sein Bier auf den Tisch. Er hatte keine Lust zu trinken. Samu sah zu Riku, der einfach da sass und ihm aufmerksam zu hörte. „Ich spürte klar, dass irgendwas im Busch ist. Fühlte mich aus der Band ausgegrenzt, obschon es ja eigentlich meine Band war...ist. Doch was wirklich vor sich ging, wusste ich nicht. Schlaf war, in der Zeit, Mangelware. Entweder plagten mich Träume. Oder ich überlegte mir, wie ich aus dieser ganzen, scheinbar, aussichtslosen Situation, raus kam.“ Samu war aufgestanden und schaute aus dem Fenster. Es war hart, darüber zu sprechen und alles noch einmal auf zu wärmen. Auf der anderen Seite, spürte Samu auch, dass es ihm gut tat, einmal mit jemandem darüber zu sprechen. Tat er bis jetzt nicht. Es wussten ja alle, was abging. „Um dem Schlafmangel entgegen zu wirken, nahm ich Schlafmittel. Um wach zu werden, so Energiescheiss. Und um mich grundsätzlich zu betäuben, trank ich.“ Samu wandte sich wieder Riku zu. „Kommst du eine Rauchen?“
Nickend stand Riku auf und folgte Samu in den Garten.„Ich bin nicht stolz darauf.“ Samu sah Riku reumütig an.„Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen.“
„Das alles, führte dazu dass ich unausgeglichen, unausstehlich und kaum mehr zu ertragen, geschweige denn zu gebrauchen war.“, erzählte Samu weiter. „Mikko hat mir ein Ultimatum gestellt. Entweder ich bekomme mich wieder in den Griff oder ich sei raus. Verstehst du?“ Samu sah Riku verzweifelt an. Wie ein Film, spielte sich die Szene vor Samus inneren Auge ab.

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