Kapitel 97

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Leise stand Samu auf und schlich durch den Bus, nach unten, zu ihrem Fahrer, der sie immer sicher an ihr Ziel brachte. „Na Samu. Schlaflos?“ – „Irgendwie wollte die Müdigkeit noch nicht kommen.“ Antwortete Samu. „Will Riku nicht bei dir schlafen?“ – „Es ist ihm zu eng, in der schmalen Koje.“ Samu füllte Mikes Becher mit einem neuen Kaffee. „Verständlich. Wäre es mir auch. Bei aller Liebe zu meiner Frau.“ Samu grinste. Ein offenes Buch, mit doch ein paar Geheimnissen, war Mike. Gerade heraus. Das mochte er so an ihm. „Hattet ihr einen schönen Urlaub?“ – „Der Schönste in meinem ganzen Leben!“ Samu strahlte und setzte sich bequem hin, um Mike von seinem Urlaub, mit Riku in Spanien, zu erzählen. Natürlich nicht alle Details. Die konnte sich Mike auch so denken. „Das klingt nachdem perfekten Liebesurlaub für zwei frisch verliebte, wie ihr es seit.“ – „Das war es! Seit dem, habe ich das Gefühl, dass wir uns noch näher sind und die Liebe noch tiefer ist. Es ist unbeschreiblich! Ich hatte keine Ahnung, dass man solche Gefühle für einen anderen Menschen empfinden kann.“ – „Das klingt doch schön! Und man sieht es dir auch an.“ Verlegen kratzte sich Samu am Hinterkopf. „Irgendwie hörte ich ein ‘Aber’ heraus.“ – „Du kennst mich doch. Ich mache mir zu viele Gedanken über alles.“ Mike kannte Samu einfach zu gut, dass er in seiner Stimmlage, mehr hörte, als Samu sagte. „Es sind aber keine Zweifel, was Riku angeht?“ – „Niemals. Riku ist das Beste, was mir passiert ist und wird es auch immer bleiben!“ Mike nickte. „Dann hör auf zu denken und lass den Dingen ihren Lauf gehen.“ Mike verstand ein Stück weit, dass sich die beiden Gedanken machten. Mehr, als es andere Paare machten. Weil sie eben keine konventionelle Beziehung führten und dazu einen ebenso aussergewöhnlichen Job ausübten. Eine etwas aufregende Mischung, da beides alleine schon nicht ohne war. „Und wenn ich es vermassel? Wenn ich Riku von mir weg treibe? Ihm tausend Gründe gebe, mich nicht mehr zu lieben?“ – „Du weisst nicht, ob es geschieht. Und auch wenn du dir dafür einen super Plan zurecht legst, weisst du selber ganz genau, dass das Leben nicht nach deinen Plänen läuft. Man kann das Leben nicht in einen Plan quetschen. Du kannst nur an dir arbeiten, damit deine Ängste nicht eintreten.“ Pläne konnte man machen. Aber das Leben lachte einen dafür aus und änderte alles. Das wusste Samu nur zu gut. „Ich würde es nicht ertragen, Mike.“ – „Dann gib ihm keinen Grund dafür. An einer Beziehung muss man arbeiten, Samu. Auch wenn es jetzt, nicht danach aussieht und euch alles ganz einfach von der Hand geht. Ausser die Tatsache, dass ihr es für euch behalten müsst.“ – „Genau das ist der Knackpunkt.“ Ahnte Mike ja schon lange. „Kann ich mir vorstellen. Und ich möchte nicht in eurer Haut stecken. Aber dann müsst ihr halt noch etwas mehr geben, als normale Paare. Die Zeit nutzen, auskosten und geniessen, die ihr habt. Auch wenn sie noch so nichtig erscheint. Anstatt der hinter her zu trauern, die ihr nicht habt. Weisst du was ich meine?“ Samu nickte. „Ich denke schon. Nicht immer bedauern, dass wir uns in so vielen Gelegenheit nicht nah sein können, sondern uns über die freuen, die wir haben. Das muss vor allem ich noch lernen. Riku scheint dies besser zu können. Oder er kann es einfach besser verbergen. Denn wir können uns, im Gegensatz zu euch anderen, ja wirklich mehr als glücklich schätzen, müssen wir uns nicht von unserem Liebsten verabschieden für die Tour.“ – „Alles andere, wird irgendwann, zu sehr an euren Nerven und Kräften zerren. Die ihr euch besser für die schönen Dinge im Leben auf spart.“ Stille. Samu dachte über Mikes Worte nach. Natürlich hatte er mal wieder recht damit. Doch war es auch einfacher, gute Ratschläge zu geben, als tatsächlich in dieser Situation zu stecken. Aber er wollte sich Mikes Worte dennoch zu Herzen nehmen und versuchen, etwas gelassener zu werden. „Pass aber auf, dass du nicht zu gelassen wirst und alles für selbstverständlich ansiehst. Riku als Selbstverständlichkeit siehst. Damit, würdest du den grössten Fehler machen.“ Konnte der Mann Gedanken lesen? Samu sah ihn erstaunt an. „Ich kenne dich schon ziemlich gut, Samu.“ Zwinkerte er ihm zu. „Besser, als ich mich selber. Scheint mir manchmal.“ Strich sich Samu nachdenklich durch die Haare. Mike sah kurz zu Samu rüber. „Samu?“ – „Hmm?“ – „Warum hast du solche Angst, dass all diese Dinge geschehen? Weshalb befürchtest du, du könntest Riku so sehr verletzen, das er dich verlässt?“ Irgendetwas nagte an Samu, seit er Riku hatte, auch wenn er total glücklich aussah. Dies spürte Mike schon lange. Nicht umsonst, war er Nächte lang bei ihm. Auch wenn Samu nicht immer über die Dinge, die in ihm vor gingen, sprach. Denn davor, ausser während der Sache mit Janne, schlief Samu die Nächte durch, wenn er sie nicht gerade durch feierte. Ja, so lange kannte er Samu, Raul und Sami schon. Und natürlich Jukka. Sie waren früher ein noch verrückterer Haufen, als jetzt. Aber allesamt, unglaublich liebenswert. Mike konnte sich gar nicht vorstellen, nicht mehr für sie zu fahren. „Ich weiss auch nicht, es ist wohl einfach, weil ich Riku schützen möchte. Er wurde schon einmal von der Person, die er liebte, verletzt. Das war nicht sehr hilfreich für sein Selbstwertgefühl.“ – „Das hat er mir erzählt." Bestätigte Mike. „Wenn das noch einmal passiert...Ich weiss nicht, ob er das noch einmal so unbeschadet überstehen wird. Er knabbert immer noch daran. Auf eine Gewisse Art und Weise.“ – „Das beantwortet aber nicht ganz meine Frage, Samu. Es ist mir klar, dass du ihn nicht verletzen willst. Ich verstehe bloss nicht, weshalb du diese Angst in dir trägst, dass du es tun wirst?“ Samu zuckte mit den Schultern. Das wusste er auch nicht. „Ich weiss nicht. Ich war noch nie, in dem Masse, für eine andere Person verantwortlich. Und wer weiss, was die grössere Berühmtheit noch mit und aus mir macht. Du weisst, wie ich war, als wir endlich erfolgreicher waren. Party hier und Party da. Ein egoistisches Arsch war ich. Auch das weisst du. Mir waren die Gefühle meiner One Night Stands egal.“ – „Ihr wart jung. Und irgendwie ziemlich überfordert. Doch jetzt seid ihr reifer. Erwachsner. Du weisst jetzt besser, was es heisst, erfolgreich zu sein. Die letzten Jahre, haben dich geprägt.“ War es so? Würde es anders werden? Klar hatte Mike recht, dass sie mehr wussten, als damals. Doch dies hiess nicht automatisch, dass es einfacher werden würde. Es wären einfach andere Probleme. Denn der Bekanntheitsgrad veränderte sich auch und hatte sich bereits verändert. Das mit den One Night Stands, würde ganz klar wegfallen. Sowas, würde er auch ohne Riku nicht mehr tun. Aber jetzt war es ein absolutes No go. Auch wenn sie mal eine Krise haben würden. „Du traust dir selber nicht. Ist es so?“ Samu nickte. „Ich würde Riku nie hintergehen. Sowas hat für mich mit Achtung zu tun. Aber ob ich, abgesehen davon, nicht zu einem Egoisten mutiere, wenn sich die ganze Welt auf mich stürzt, kann mir niemand garantieren.“ – „Nein, kann dir nicht. Aber du kannst, wenn du schon weisst, wie viel Angst du davor hast, dich davor schützen.“ – „Und wie?" – „In dem du dich selber im Auge behältst. Und indem du mit so vielen Menschen wie möglich, in deinem Umfeld, darüber sprichst. Vor allen anderen, mit Riku. Ganz wichtig, Samu. Dort fängt es an. Lass Riku nicht aussen for. Und Mikko.“ – „Der arme Kerl, hat ohnehin schon genug mit uns am Hals.“ Seufzte Samu. „Mikko, würde alles für dich tun. Das weisst du.“ Samu nickte.
„Aber er sollte nicht für alles in meinem Leben, verantwortlich sein müssen.“ – „Nein. Aber das betrifft ihn und die Jungs, irgendwie ja auch.“ – „Nach der Tour, im neuen Jahr.“ – „Guter Junge!“ Samu lachte leise auf. Ja, Mike war fast schon sowas wie ein Vater für ihn. Eine Vaterfigur, die er auf Tour und diesem turbulenten Alltag, ohne wirklichen Boden, dringend brauchte. Der Halt. Schon immer. Bevor Riku dazu kam, der jetzt sein Fels in der Brandung war. Das grösste Glück überhaupt. „Hast du Angst dich zu verlieren?“ Samu seufzte. „Diese Angst, hattest du schon einmal. Doch du hast dich nicht verloren.“ – „Ich habe mich wiedergefunden, wäre wohl eher richtig ausgedrückt. Dank Riku.“ – „Das war doch was ganz anderes. Janne hat dich damals aufs hinterhältigste und psychisch fertig gemacht. Und ich habe Riku schon dafür bedankt, dass er dich uns zurück gebracht hat.“ – „Was er sicher mit einem Kopfschütteln und Augenverdrehen zur Kenntnis genommen hatte.“ Lachte Samu. Er konnte seinen Schatz direkt vor sich sehen. „So in etwa, ja.“ Schmunzelte Mike. „Das kann er einfach nicht verstehen. Weil er, aus seiner Sicht, nichts weltbewegendes gemacht hat. So ist er halt, mein Löckchen.“ Fingen Samus Augen an zu leuchten, als er an Riku dachte. Bescheiden wie selten jemand, der Samu kannte. Höchstens seine Mama. „Wenn euch die da draussen, auch nur einmal so erleben würden, wie wir das dürfen und für mich ist das wirklich ein Privileg, dann würde kein einziger Mensch mehr was gegen eure Liebe sagen.“ Mike brauchte Samu nicht zu sehen, damit er den Glanz in dessen Augen sehen konnte. „Dann frag mal die Teppichetage, wie begeistert sie wären, uns so zu sehen.“ – „Das wird schon, mein Junge! Wenn ihr genügend Erfolg und euch eine stabile Fanbase aufgebaut habt, löst ihr euch einfach von all den Verträgen und zieht euer eigenes Ding durch. Da wird es genügend Leute geben, die dabei hinter, neben und vor euch stehen werden.“ – „Genau das, habe ich Riku versprochen. Er hadert, noch mehr als ich, an dem Ganzen. Schickt sich jedoch rein, weil es gerade keinen anderen Ausweg gibt.“ – „Dann enttäusche ihn nicht und halte dein Wort.“ Genau das, hatte Samu vor. Und genau das, war etwas davon, was ihm Angst machte, es nicht zu schaffen.
„Niemals!“ Das meinte er tatsächlich mehr als ernst. Doch ob es irgendwann auch der Wahrheit entsprechen würde, konnte Samu, hier und jetzt, niemandem garantieren. Genauso wenig, wie dies ihm jemand garantieren konnte. Alles was er machen konnte, war alles dafür zu tun, Riku nicht zu enttäuschen. „Und jetzt geh zu deinem Schatz. Kuschel dich zu ihm. Denn ich denke, er wird genauso wenig erholsamen Schlaf finden ohne dich, wie du ohne ihn.“ Entliess Mike Samu in die Nacht. Er hatte recht. Auch wenn er endlich die innere Ruhe, die er zum schlafen brauchte, spürte. So war die nichts gegen die Ruhe, die ihn ein hüllte, wenn er bei Riku war. „Danke!“ Klopfte er Mike auf die Schulter. „Nicht dafür. Das weisst du.“ Samu nickte und verzog sich wieder in den oberen Stock. Die Sehnsucht nach seinem Schatz, übernahm gerade wieder die Oberhand.

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