Kapitel 29

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Drei Tage später, waren Samu und Riku schon in Deutschland. Noch einmal drei Tage später, kamen auch die Jungs nach und die Tour begann.
Samu war nervös. Verdammt nervös. Es war so viel anders, als sonst. Neue Arrangements, kleiner, intimer, Osmo der neu dabei war. Ein einziger Fehler, würde bei dieser Art von Konzert, viel schneller auffallen.
Samu sass in der Ecke der Garderobe. Hatte die Augen geschlossen und trommelte mit seinen Fingern auf dem Boden herum.
„Samu?“ Riku, wie immer der Einzige, der es nicht einfach so hin nahm, dass Samu nicht zum Essen erschien, kam in die Garderobe. „Hey Grosser, ich hab dir noch etwas von dem Essen gerettet.“
„Hab keinen Hunger.“
Riku stellte den Teller auf den Tisch und setzte sich neben Samu.
„Wird es irgendwann besser, mit der Nervosität vor der Tour? Was denkst du?“ Samu sah Riku an.„Keine Ahnung. Vielleicht ist es auch gut, wenn man nervös ist. Dann ist dieser Nervenkitzel noch da.“
„Und hat sich die Routine noch nicht eingenistet.“, es war mehr als eine Frage, denn eine Feststellung.
Riku nickte. „Samu du musst was essen. Ansonsten wirst du uns noch vom Stuhl kippen. Du hattest schon kaum was zum Frühstück.“
„Ja Mama!“, maulte Samu.„Ich meine es ernst!“ Rikus Blick, unterstrich seine Worte.
„Ich weiss.“ Samu sah Riku dankbar an, als er ihm den Teller hin stellte.
„Und lass das mit deinen Finger, das macht mich wahnsinnig.“ Riku legte seine Hand auf die von Samu. „Iss!“
Brav, machte sich Samu über das Essen her. Dabei merkte er erst, wie hungrig er eigentlich war. Riku sah ihn die ganze Zeit an, dass er auch ja den Teller aus ass. „Bist du jetzt zufrieden?“ Riku nickte, nahm den Teller und stellte ihn zurück auf den Tisch.„Setzt du dich wieder zu mir?“ Samu brauchte immer noch Rikus ungeteilte Gegenwart, um vor den Konzerten, zumindest vor den ersten, nicht durch zu drehen.
„Es wird alles gut gehen, Samu! So wie immer!“ Riku sah Samu fest an. „Jetzt schliess die Augen und atme ein paar Mal tief durch.“
Dieses Mal, war es Samu, der nach Rikus Hand griff.

„Jungs! Es wird Zeit!“ Mikko steckte kurz den Kopf zur Tür rein und war dann auch schon wieder weg.
Samu und Riku, hatten keine Ahnung, wie lange sie bis zu diesem Zeitpunkt da sassen. Hauptsache sie konnten sich gegenseitig helfen, ruhiger zu werden.„Bereit?“, sah Riku zu Samu. Dieser nickte und stand auf, hielt Riku die Hand hin und zog ihn auf die Beine.
„Was würde ich nur ohne dich machen?“, umarmte Samu seinen Freund.
„Zu einem nervlichen Wrack werden.“, grinste Riku. Löste sich von Samu und schob ihn in Richtung Tür.
„Na ihr Zwei? Habt ihr noch zusammen gekuschelt?“, witzelte Sami. Die freundschaftlichen Sticheleien, nahmen immer noch kein Ende. Doch Samu und Riku ignorierten sie. Sie wussten, was sie am anderen hatten. Und auch, dass es die anderen Jungs nicht böse meinten. Selbst Osmo, hatte sich, mittlerweilen daran gewöhnt, dass man die Beiden auch mal kuschelnd auf dem Sofa an traf. Es war schon fast komisch, wenn dies nicht so war. Denn dann, war irgendwas im Busch.
„Samu?“ Samu drehte sich zu Mikko um. „Bereit? Du bist gleich an der Reihe.“
„Natürlich bin ich bereit! Gleichzeitig einfach nur tierisch aufgeregt.“ Samu rieb sich die Hände.
Riku stellte sich vor seinen besten Freund, legte ihm die Hände auf die Schultern und sah ihn fest an.
„Wir sind ja gleich bei dir!“ Samu fesselte die blaugrauen Augen, die so viel Wärme und Ruhe ausstrahlten, mit seinen. Hätten sich die anderen nicht auch noch dazu gesellt und ihre Arme um sie Beide geschlungen, wäre Samu wohl in dieser ehrlichen Wärme versunken.
„Wir rocken die Bude!“, wurde er jedoch wieder aus diesem Moment gerissen.
Samu liess seine Stirn an die von Riku sinken und schloss die Augen. Dieser schlang seine Arme um Samu. Ihr obligates Gruppenkuscheln, hatte heute, für Samu und Riku, eine ganz spezielle Dynamik. Keiner der Beiden, wusste woher dies kam und noch viel weniger, wohin es führte. Doch wussten sie eines, dass es sich gut anfühlte.
„Und jetzt schnapp sie dir, Grosser!“, grinste Riku ihn an, als sich der Knäuel wieder gelöst hatte. Die Luft, schien jedoch immer noch zu vibrieren. Oder war es wohlmöglich die Menge, draussen vor der Bühne, die schon ungeduldig war, klatschte und rief? Keiner wusste es so genau.
Es wurde Zeit.
Samu nahm seine Gitarre und betrat endlich die Bühne. Sein zweites Zuhause. Die Menge jolte und klatschte noch lauter.„Guten Abend! Good Evening!“, begrüsste Samu das Publikum, während er sich setzte. Die Finger kurz über seine Gitarre gejagt und schon erklang seine Stimme. „I got this feeling...“, fest und klar. So, wie man es von ihm gewohnt war. Doch, wirkte sie noch stärker und tiefer, da er nur von seiner eigenen Gitarre begleitet wurde.
Riku, der mit einem Lächeln auf dem Gesicht schon bereit für seinen Einsatz stand, jagte es eine Gänsehaut über den Rücken. Riku war hibbelig. Er wollte endlich auch raus. Wollte diese Energie wieder spüren. Wollte all die tollen Arrangements, die sie aus den bekannten Songs gemacht hatten, endlich spielen und sie weiter an das Publikum geben. Erleben wie sie ankamen.
Dann, nach Samus erstem Refrain, war es endlich so weit. Die Meute jubelte ein weiteres Mal, als zuerst Jukka, dann er selber, die Bühne betrat. Kurz, kaum ein Bruchteil einer Sekunde, seine Hand auf Samus Schulter gelegt, setzte sich Riku an seinen Platz. Womit er seine unruhigen Finger endlich erlösen und sie über die Saiten seiner Lady schicken konnte. Ein Glücksgefühl durchfuhr Riku, dass er nicht anders konnte, als zu lächeln. Samus Energie, die er Zeile für Zeile durch das Mikrofon in die Menge schmetterte, steckte ihn zusätzlich an.
Das Dreamteam hatte gute Laune und wurde mit jedem Takt, jedem Handgriff und jedem Ton, zu einer Einheit. Riku und Samu wurden quasi eins. Und dies übertrug sich auf den Rest der Jungs und schliesslich auf das Publikum. Dieses, hatten sie, von Anfang an in der Hand. Die Gemeinschaft, die vor der Bühne stand, war schon eingeschworener, als bei den Tourneen zuvor. Sie gingen ab, kaum erklang auch nur der erste Takt eines neu angestummenen Liedes. Sangen in einer Lautstärke mit, dass es Samu oft eine Gänsehaut über den gesamten Körper jagte, seine Augen feucht wurden und sein Grinsen nicht mehr aus seinem Gesicht verschwinden wollte. Er hätte seine Jungs einfach gerade alle knuddeln und knutschen können, dass sie diese Tour mit ihm zusammen realisierten. Allen voran mal wieder Riku. Einfach so. Weil er da war und weil es das schönste Gefühl überhaupt war, zusammen mit dem besten Freund auf der Bühne zu stehen. Die selbe Leidenschaft, den selben Traum zu haben und ihn auch noch zu leben. Das ganze Konzert, war eine grosse Party, bei der alle Spass hatten und es genossen. Auf der Bühne, wie davor. Samu konnte es immer wieder, in den Momenten, wenn er seinen Blick über das Publikum gleiten liess, sehen.
Strahlende Augen und Lachen im Gesicht. Was gab es Schöneres? Im Moment? Nichts!
Jeder einzelne Tag, an dem sie unten durch und für ihren Traum kämpfen mussten, war es wert. Für genau das hier. Ja, es war alles noch klein. Und wahrscheinlich müsste man Samu, eines Tages, wenn alles vielleicht noch viel grösser war, kneifen oder gar Ohrfeigen, damit er es wirklich glaubte. Dennoch, war es mehr, als er sich jemals erträumte hatte. Jetzt schon. Egal, was die Plattenfirma sagte.
‘Forever Yours’, gab Samu deshalb, an diesem Abend, dann auch den Rest. Der Song, hatte eine so unglaubliche Energie, wenn sie ihn in dieser Version spielten, dass es Samu jedes Mal, immer wieder aus der Bahn warf. Allein bei den Proben, konnte er seine Tränen, jedesmal kaum zurückhalten. Wie sollte es ihm heute, mit all den Gefühlen in ihm und den Emotionen, die in der Luft herum schwirrten, anders gehen.
Riku wusste es. Noch bevor er den ersten Ton sang. Er hatte Samu während der ganzen Zeit, wenn es ihm möglich war, beobachtet und kannte diesen bereits gut genug, um zwischen den Zeilen, der noch so kleinsten Regung, zu lesen. Dadurch wusste er ganz genau, was in Samu vorging. Er konnte beinahe mit seinen eigenen Händen nach dessen Gefühlen greifen und sie durch seinen Körper jagen spüren. Riku, auf seinem Hocker Samu zugewandt, sah die angespannten Muskeln und wie sie zuckten. Sah seine Hände die sich Halt suchend, um das Mikrofon legten. Geschlossene Augen, die ihm die nötige Ruhe und Gelassenheit bringen sollte. Das kaum hörbare Zittern in seiner Stimme, als die Instrumente kurz ausklangen, um dann wieder einzusetzen. Jeder Atemzug, der nur leicht zu hören war, liess die Tränen in Samus Augen erahnen. Nicht für jeden. Doch für Riku. Er konnte sie sehen, ohne sie zu sehen. Als Riku mal wieder kurz seine Augen öffnete, lehnte Samus Stirn an seinem Mikrofon. Sein Oberkörper hob und senkte sich aussgewöhnlich stark. Der letzte Ton seiner Stimme, war verklungen. Der Jubel schon im Gange. Nur noch ihre Instrumente hallten durch den Club.
Riku mochte es nicht, Samu so zu sehen, auch wenn es gleichzeitig seine emotionale und verletzliche Seite zeigte und wie sehr er, mit jeder Faser und jedem Gefühl in seinem Körper, dabei war. Dennoch verspürte Riku diesen leisen und dennoch deutlichen Drang, in solchen Momenten, nah bei Samu zu sein. Was er dann auch tat.
Er liess seine Gitarre etwas eher verstummen, stellte sie zur Seite und ging die paar Schritte zu Samu rüber. Ohne über irgendetwas nachzudenken, schlang er von hinten seine Arme um Samu und lehnte seinen Kopf an den von ihm. Tief atmete Samu durch. Blieb jedoch genau so sitzen, wie er war und liess sich in Rikus Umarmung fallen. Es liess ihn aus diesem Strudel auftauchen. Was auch Riku spürte.

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