Kapitel 166

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„Ich bin wieder da.“ War Samu froh, dauerte das Gespräch nicht so lange. Es war jedoch ein gutes Gespräch. „Riku? Bist du da? Wir müssen kurz reden.“ Kam Samu ins Wohnzimmer. Dort stand Riku am Fenster und sah nach draussen. „Vielleicht darüber, dass du mir verschwiegen hast, dass du noch eine Staffel The Voice drehst?“ Rikus Stimme drang monoton und gefühllos zu Samu. Verdammte Scheisse, schoss es Samu durch den Kopf. „Woher...“ – „Spielt das eine Rolle?“ Drehte sich Riku zu Samu um. Da war er wieder. Dieser gewisse Blick, mit dem Riku ihn an sah. Kälte um schlich sofort Samus Herz. „Wann hattest du vor, auch mich in deine Pläne einzuweihen? Einen Tag, bevor du nach Berlin musst?“ Wut stieg in Riku hoch. Jetzt, da er Samu vor sich sah. „Das ist es, was ich dir eben sagen wollte.“ – „Das ist aber wahnsinnig früh.“ Samu raufte durch seine Haare. „Ich weiss. Das war nicht meine Absicht, Riku. Die haben mich, nach dem Finale gefragt, ob ich es mir vorstellen könnte, noch einmal dabei zu sein. Ich war mir nicht bewusst, dass die mich schon wieder fest engagiert haben. Und dies schon dieses Jahr.“ Riku lachte sarkastisch auf. „Ja klar. Erzähl das einem Dummen, aber nicht mir.“ – „Es ist die Wahrheit. Du kannst Mikko fragen. Er hätte mich wohl am liebsten geschüttelt, bei so viel Dummheit, wie in mir steckt.“ Riku atmete tief durch. „Rik...Du musst mir glauben.“ – „Und warum? Sag mir einen Grund, warum ich dir vertrauen sollte? Und komm mir jetzt nicht mit Liebe. Ich kann es nicht mehr hören.“ Verschränkte Riku die Arme vor der Brust. „Ich...“ Samu fehlten die Worte. Unwohl, beschrieb nur annähernd, wie er sich gerade fühlte. Und oft, wenn dies der Fall war, stopfte er seine Hände so tief in die Hosentaschen, dass man das Gefühl hatte, sie kommen gleich wieder unten raus. „...keine Ahnung. Ich weiss nicht, warum du mir glauben sollst, wenn Liebe nicht mehr reicht.“ Tränen sammelten sich in Samus Augen. „Ich hätte mit dir zuvor gesprochen. Alles besprochen.“ – „Es ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt überhaupt. Das weisst du.“ Samu nickte. „Wo bleiben wir und unsere Beziehung denn da?“ Riku sah es schon jetzt kommen, dass gemeinsame Zeit auf der Strecke blieb. Wieder strauchelte er in den Teil einer Beziehung, den er schon mal hatte. Mehr allein zu sein, als zusammen zu leben. „Wir haben die Aussicht auf eine lange Pause.“ Versuchte Samu Riku zu besänftigen oder was auch immer. Mit dem Wissen, dass es nicht funktionierte. Das sah Samu allein an Rikus Gesichtsausdruck. „Die können wir einfach so machen?“, fragte Riku misstrauisch. „Ich habe es Mikko mal auf den Tisch gelegt. Er versucht sein Bestes.“ Riku kotzte es so tierisch an, dass wieder ein Ok der Bosse nötig war, um dies durch zu ziehen. Was ihm ein verächtliches Schnauben entlockte. „Versuchen...Vielleicht...Und wenn überhaupt, ist es bis dahin, mehr als ein halbes Jahr. Elend viele und lange Monate, in denen so viel passieren kann. Ungewisse Wochen und Monate. Bis auf eines...“ Samu wusste nicht, ob er es hören wollte. „Klar ist die Tatsache, dass wir zwei Leben führen werden, die an einander vorbei leben. Und das heisst nicht bloss, dass wir unterschiedliche Arbeitszeiten haben. Sondern in unterschiedlichen Ländern leben. Nicht einmal die selbe Uhrzeit, werden wir haben. Führen wir monatelang eine Fernbeziehung? Mit Scheinfreundin im Rücken? Tolle Aussichten, Samu!“ Total frustriert, ging Riku in die Küche. Er hatte gehofft, wenigstens ein bisschen Zeit, zwischen den Open Airs, zusammen zu haben. Diese Hoffnung und noch vieles mehr, ging flöten, als er diesen freudigen Post, über Samus Rückkehr in den roten Stuhl, gesehen hatte. Scheinbar war die Rede in dem letzten Artikel davon. Woher die das auch immer wussten. War Riku eigentlich auch egal. Die Tatsache war, das Jahr war für sie als Paar, gelaufen. Riku stützte sich auf die Arbeitsplatte in der Küche und atmete tief durch. Sein gesamter Körper war angespannt, bis in den hintersten Winkel. Daran musste er sich, von nun an, wohl gewöhnen müssen. Sein Freund, Frontmann von Sunrise Avenue, war der Liebling von allen und wurde zum Aushängeschild. Dagegen kam er nicht an. War er machtlos. Was ein Ohnmachtsgefühl in ihm auslöste. Die Hoffnung lag nun in ihrer Liebe. Doch war Liebe allein genug stark, um das alles durch zustehen? Es gab genügend Paare, die einer solche Belastung nicht stand hielten. Und die hatten nicht noch das Problem, dass ihre Beziehung geheim gehalten werden musste. Hätte ihnen nicht jemand aufzeigen können, was es alles mit sich zieht, wenn man so bekannt werden wollte? Riku hätte sich mit Händen und Füssen dagegen gewehrt.
Die warme Hand auf seinem Rücken und der unverkennbare Duft, liessen Riku noch einmal tief durchatmen. Samu hatte sich, mit dem Rücken gegen die Arbeitsplatte gelehnt. „Es tut mir wirklich so unendlich leid, Rik. Ich weiss, es bringt dir nichts. Aber es ist so. Idiot, ist nur der Vorname von dem was ich bin.“ Ein kurzer Blick in Samus Augen, sagte Riku, dass er voller Reue war, ein solcher Idiot zu sein. Er griff nach Samus Hand die neben seiner lag. Samu verschränkte sie mit seiner. „Rik.“ Hauchte Samu. Wieder hob dieser den Blick. In beiden Augenpaaren, schimmerten Tränen. Samu liess die andere Hand in Rikus Locken verschwinden. Hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ohne dich im Rücken, stehe ich das alles doch gar nicht durch.“ Riku seufzte. „Und wo bleibe ich dabei?“ Ein fragender Blick, mit so vielen unterschiedlichen Gefühlen darin, traf Samu. „Hier.“ Legte er Rikus Hand, die er immer noch mit seiner umfasst hielt, auf sein Herz. War das sein Ernst? „Das reicht mir nicht, Samu.“ Entzog Riku ihm seine Hand und ging zurück ins Wohnzimmer. „Das reicht dir nicht?“ Samu war fassungslos. „Du verstehst es nicht. Habe ich recht?“ Riku strich sich kopfschüttelnd durch die Haare. Was hat sich in den letzten Wochen geändert. Davor, hätte Riku es Samu nicht erklären müssen. „Ich will nicht nur wissen, dass in deinem Herzen, die Liebe für mich sitzt. Ich will sie spüren. Nicht nur sporadisch mal für ein Wochenende, an dem du dann ohnehin nur schläfst, weil dich der Stress kaputt macht. Immer mit dem Gefühl im Nacken, dass noch mehr und noch mehr kommt...bis wir irgendwann...“ Riku schüttelte den Kopf. „Das wird nicht passieren, Riku.“ – „Das kannst du nicht wissen und mir auch keine Garantie dafür geben. Das weisst du ganz genau.“ Wurde Riku ungehalten. Wie konnte man nur so naiv sein? „So naiv kannst nicht mal du sein.“ – „Ich bin nicht naiv. Im Gegensatz zu dir. Wie es scheint, habe ich uns und unsere Liebe, noch nicht aufgegeben.“ Das hatte er nicht wirklich gesagt? „Du glaubst tatsächlich, ich habe das alles, was wir uns aufgebaut haben, schon aufgegeben? Nicht wirklich dein beschissener Ernst, Samu?“ Samu wollte es nicht so hart klingen lassen. Die Worte rutschten einfach aus ihm heraus. „Das habe ich nicht. Ich klammere mich wie ein Idiot an das alles, weil es das Einzige ist, was mich hoffen lässt. Auch wenn diese Hoffnung, mit jedem Tag und jedem Angebot und was noch alles kommen mag, kleiner und kleiner wird. So klein, dass ich mich schütze, um nicht irgendwann in dieses Loch zu fallen, wenn ich mich zu sehr daran klammere. Das ist ein Schutz, sonst nichts. Ich muss mich irgendwie schützen. Aber das scheinst du nicht zu verstehen. Du gehst weiter naiv durchs Leben, als wäre das alles ein Kinderspiel und würde sich nichts, aber auch gar nichts ändern.“ Riku musste sich jetzt endlich Luft verschaffen. „Doch es hat sich schon alles verändert. Unser komplettes Leben. Das der Band. Das kannst du doch nicht einfach übersehen, Samu. Jeder Tag, wird von all diesen Änderungen geprägt. Wir werden davon geprägt.“ Samu hatte ihm die ganze Zeit zu gehört. „Warum lässt du das alles so gross werden, dass es dich fast erstickt? Lass es doch einfach auf uns zu kommen, bevor wir uns verrückt machen.“ In Rikus Gesicht konnte Samu sehen, dass diese Aussage wohl nicht gerade die beste gewesen war. „Ich soll mich also einfach gemütlich zurück lehnen, warten was passiert und zu sehen, wie unsere Beziehung nur noch der Schein von etwas ist, was einmal wunderschön war?“ Wie konnte man nur so verdammt negativ eingestellt sein. Samu hatte keine Ahnung, wann Riku sich wieder dermassen verloren hatte. „Wenn du, von Anfang an, so negativ eingestellt bist, muss es ja nach hinten los gehen. Letztes Jahr ging es doch auch. Was ist jetzt anders?“ – „Ich weiss es nicht, Samu. Es ist einfach so ein Gefühl. Ganz tief in mir drinnen, dass sich das alles nicht so entwickelt, wie wir uns das erhoffen.“ Rikus Körper fing an zu zittern. „Hast du denn keine Angst, Samu?“ Das konnte Riku kaum glauben. „Ich habe Angst um dich, Rik!“ Ging Samu auf Riku zu und zog ihn in seine Arme. „Doch je mehr du dich von mir verkriechst, desto weniger kann ich dir helfen, dass du nicht in das Loch fällst, von dem du eben gesprochen hast.“ Samu strich durch die weichen Locken. „Vielleicht machst du dich wegen nichts verrückt. Vielleicht nicht. Das wissen wir erst, wenn das alles ein Ende hat. Bis dahin...“ – „Es wird kein Ende geben, Samu.“ Löste sich Riku aus Samus Armen. „Das weisst du ganz genau. Du verdrängst es einfach. Wenn die neue Staffel zu Ende ist, kommt die Nächste. Oder ein anderes Angebot. Die Fangemeinde wird grösser. Die Öffentlichkeit verlangt mehr von dir. Und schlussendlich auch von Vivi. Das ist eine Tatsache, Samu. Und keine Schwarzmalerei.“ Für den Bruchteil einer Sekunde, sahen sie sich einfach nur an. „Doch du wirst zu abgelenkt sein, um all die Veränderungen wirklich real mit zubekommen. Genau das, ist der Unterschied zwischen deinem und meinem Part in der ganzen Geschichte. Du bist der, der voll und ganz in das alles involviert sein wird. Während ich eine Nebenrolle spiele.“ – „Das ist es also? Du bist eifersüchtig darauf, dass ich jetzt mehr im Vordergrund stehe?“ Samu sah Riku fragend an. Riku schüttelte resigniert den Kopf. „Du willst es nicht verstehen. Oder dich auch nur einmal, in meine Lage versetzen. So hat es keinen Sinn, länger zu diskutieren, Samu. Wenn du nicht einmal, auch nur versuchst, einen Blick aus meiner Sicht, auf das Ganze zu werfen.“ Liess Riku Samu stehen. Er konnte nicht noch mehr Worte verschwenden, die nicht ankamen und das bewirken, was sie sollten. „Jetzt lässt du mich wieder stehen? Einfach so?“ Auf der untersten Treppe, hielt Riku inne und wandte sich noch einmal Samu zu. „Was soll ich sonst machen, Samu? Ich habe keine Energie mehr zu erklären, weshalb ich so reagiere, wie ich es tue. Weil kein einziges meiner Worte, bis zu dir kommt. Weil...keine Ahnung warum. Vielleicht, weil du es nicht wahr haben willst, dass ich Recht habe.“ Mit diesen Worten, ging Riku die Treppe hoch. Er brauchte Zeit für sich. Mit geschlossenen Augen, lehnte Riku gegen die Schlafzimmertür. Von unten, hörte er zunächst nichts. Bis die Tür ins Schloss fiel und kurz darauf, die quietschenden Reifen von Samus Bemu zu hören waren. Riku atmete tief durch. Wo er wohl hin fährt? Die Erinnerungen an den Tag, an dem Samu in die Bar fuhr, brachte Riku einfach nicht aus seinem Kopf. Er hoffte jetzt einfach mal, dass er zu einem der Jungs oder zu Eve fuhr. Riku schüttelte den Kopf, um alle anderen Gedanken zu verscheuchen. Er würde jetzt erstmal ein Bad nehmen. Würde ihm vielleicht gut tun. Denn Rikus Körper fühlte sich so verdammt schwer an. Ganz anders, als noch vor ein paar Stunden. Seufzend liess er sich, tief in das warme Wasser gleiten. Die Augen geschlossen, liess Riku das warme Wasser seinen Körper umschmeicheln, leichter werden und die Haut aufweichen. Stille. Wie herrlich. Genau das, was Riku brauchte. Der sanfte Duft des Badeöls, liess auch seine Gedanken leiser werden. Sie kreisten immer noch. Doch nicht mehr so schreiend laut. Vielleicht würde er, die nächsten Tage, mal wieder zu seiner Mama fahren. Sie hatte immer den objektiven Blick auf seine Probleme. Was Riku, in seiner fest gefahrenen Situation, sicher eine Hilfe wäre. Vielleicht tat er Samu unrecht. Für seine Gefühle und Emotionen, die diese ganze Sache in ihm auslösten, konnte Riku nichts. Die kamen einfach so. Mit jeder neuen Hürde die kam, wurden sie grösser und stärker. Nahmen ihm manchmal, regelrecht die Luft zum Atmen. Ignorieren, war schon lange nicht mehr möglich. Riku machte es schier wahnsinnig. Er würde alles dafür geben, wenn er es einfach auf sich zu kommen lassen könnte. Ohne sich immer irgendwelche Gedanken zu machen. Oder noch schlimmer. Mögliche Szenarien, was alles eintreffen könnte, aus zu malen. Dies raubte Riku sogar den Schlaf. Weshalb er dann noch empfindlicher auf das alles reagierte. Riku schnaubte genervt. Nicht einmal das Bad, brachte etwas. Also stieg er aus der Wanne und trocknete sich ab. Riku musste reden. Jetzt. Und zwar mit jemandem, der nicht darin involviert ist. Vielleicht hatte er ja Glück und seine Mama war Zuhause.

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