Justins Sicht:
Ich konnte es einfach nicht wahr haben, dass Amélie unser Kind verloren hatte. War es zu viel verlangt ein glückliches Leben zu führen und eine Familie zu gründen?
Ich bereute die Worte, die ich zu Amélie gesagt hatte. Sie war nicht Schuld daran. Jeder konnte sein Kind verlieren, das war nun mal von Gott so festgelegt.
Doch in dem Moment, im Moment der Schwäche, wusste ich mir einfach nicht anders zu helfen. Ich hoffte, dass es erträglicher wurde, wenn ich irgendjemandem die Schuld gab, aber dieser Versuch war vergebens. Mit meinen Worten habe ich nur wieder bewiesen, wie schnell ich Amélie verletzen konnte.
Ich war ein Idiot, aber ich kam nicht mit dem Tod von unserem Kind klar. Ich kannte es nicht, aber ich hatte es geliebt. Ich liebte es genauso sehr wie Amélie und jetzt war alles kaputt. Ich sollte eigentlich für meine Freundin da sein. Wir mussten das zusammen durchstehen. Wir mussten uns gegenseitig Kraft geben, aber aus irgendeinem Grund konnte ich nicht vom Bett aufstehen.
Meine Knie zitterten und die Tränen liefen wie ein Wasserfall über meine Wangen. Noch nie hatte ich so eine Art von Schmerz gespürt. Ich hatte das Bedürfnis zu schreien und um mich zu schlagen, aber ich riss mich zusammen.
Vielleicht sollte ich mich bei Amélie entschuldigen. Sie hatte es wohl wesentlich schwerer als cih, immerhin musste sie hautnah die Schmerzen der Abtreibung erleiden. Es musste schlimm für sie gewesen sein, und ich war nicht für sie da.
Was war ich nur für ein schlechter Freund?
Ich stellte meine Füße auf den Boden und stand auf, aber ich brach sofort wieder zusammen und stützte mich am Nachttisch, um nicht ganz umzukippen. Niemand konnte sich vorstellen, wie nah ich am Zerbrechen war. Mir war schlecht und schwindelig. Ich war kurz davor mich zu übergeben, weil es mir so unglaublich schlecht ging, aber ich versuchte das zu unterdrücken.
Amélie brauchte mich jetzt und ich brauchte sie.
Aus dem Grund atmete ich tief ein und stellte mich aufrecht hin. Ich setzte einen Fuß vor den anderen und ging langsam aus dem Zimmer. Es fühlte sich an, als würde sich der Boden unter meinen Füßen bewegen. Alles drehte sich. Ich war kurz davor in Ohnmacht zu fallen, aber irgendwie schaffte ich es doch ins Wohnzimmer.
Dort traf mich der nächste Schlag. Amélie saß auf dem Boden und heulte. Sie schrie und schluchzte so laut wie noch nie. Wieso hatte ich das nicht mitbekommen? Was hatte ich nur getan? Ich war Schuld an ihrem Zusammenbruch. Oh mein Gott, ich wollte nie, dass sie so fertig war. Langsam ging ich zu ihr und setzte mich neben sie auf den Boden. Sie bemerkte mich gar nicht, weil sie ihr Gesicht in den Händen vergraben hatte.
„Hey... Komm her." flüsterte ich mit sanfter Stimme, während ich eine Hand auf ihren Rücken legte. Sie schaute mich mit ihren rot geschwollenen Augen an und schluchzte noch einmal.
„Justin!" murmelte sie erleichtert, bevor sie ihre Arme um meinen Hals schlang und sich an meiner Brust ausheulte.
Ich legte meine Arme um sie und drückte sie eng an mich. Natürlich weinte ich auch, aber ich unterdrückte mir wenigstens das Schluchzen.
„Es tut mir leid, was ich gesagt habe. Ich hätte dir nicht die Schuld geben dürfen. Schatz es tut mir wirklich leid, bitte hör auf zu weinen. Das habe ich nie gewollt!" hauchte ich leise in ihre Haare, während ihr Schluchzen immer lauter und heftiger wurde.
„Hey Süße ich wollte dich nicht zum Weinen bringen. Hör auf, bitte." murmelte ich noch einmal. In der Hoffnung, dass sie endlich aufhörte. Doch das war vergebens. Sie schien sich gar nicht mehr beruhigen zu wollen. Hatte ich sie mit meinen Worten so verletzt? Ich könnte mich gerade selber ohrfeigen. Wieso machte ich immer alles falsch?
