Kapitel 315

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Amélies Sicht:

Ich starrte den Brief an und spürte, wie Austin mir liebevoll über die Schulter strich. Er sah mich eindringlich und überaus besorgt an, während ich den Brief vorsichtig auseinander faltete und tief Luft holte.

„Soll ich ihn dir vorlesen, oder möchtest du selber lesen?", fragte Austin mich mit sanfter Stimme. Er setzte sich auf die Couch, weshalb ich meine Beine ein bisschen anzog, damit er mehr Platz hatte.

„Ich... lese selbst. Ist auf Deutsch...", murmelte ich mich mutig. Austin legte seine Hände an meine Hüfte und zog mich auf seinen Schoß. Ehrlich gesagt hatte ich dadurch ein besseres Gefühl. Ich fühlte mich geborgener und durch Austin konnte ich mich ein bisschen beruhigen, auch wenn es schwer fiel.

Als ich den Brief komplett auseinander gefaltet hatte starrte ich die Schrift meiner Mutter an und bekam sofort wieder Tränen in den Augen.

„Ich halt dich fest", hauchte Austin mir ins Ohr, während er seine Arme um meinen Bauch legte und meine Wange küsste. Dann begann ich mutig die letzten Worte meiner Mutter zu lesen:

Hey mein Schatz. Ich liebe dich, ich hoffe du weißt das. In letzter Zeit ist viel passiert und es gibt Dinge, die du nicht weißt. Als Michael sich von mir getrennt hat, war ich schwanger. Michael wusste davon nichts. Kurz nach der Trennung hab ich das Baby verloren. Das war unter anderem ein Grund, wieso ich diese Entscheidung - mein Leben zu beenden - getroffen habe. Außerdem bin ich seit längerer Zeit psychisch krank. Davon wusste auch niemand, aber ich kam mit meinem Leben nicht mehr klar. Du warst selten zuhause, sondern warst auf einem anderen Kontinent. Bei Michael und mir lief es nicht mehr und bei meinem Job lief auch nichts mehr. Ich wurde gefeuert. Ich hätte dieses Haus nicht mehr finanzieren können und dich wollte ich nicht um Hilfe bitten. Es tut mir leid, dass ich dich verlassen habe. Es tut mir so leid. Ich hoffe, du findest wieder mit Justin zusammen, da ich ihn mir als Schwiegersohn gewünscht hätte. Ich liebe dich, Amélie. Du bist mein Ein und Alles und wirst es auch immer bleiben. Ich werde vom Himmel über dich wachen.

Ich begann zu heulen wie ein Schlosshund und Austin nahm mir den Brief aus der Hand, um ihn auf den Tisch zu legen. Dann umarmte er mich innig und strich mir beruhigend über den Rücken.

„Süße, es ist okay, wenn du weinst", flüsterte Austin in mein Ohr. Er hielt mich ganz fest, da ich das Gefühl hatte jeden Moment in tausend Teile zu zerfallen.

Mein Herz hörte auf zu schlagen und ich bekam wieder diese Atemnot. Verzweifelt krallte ich meine Fingernägel in Austins Rücken und weinte wie verrückt. Ich konnte nicht glauben, dass meine Mutter nochmal schwanger gewesen war und, dass sie Depressionen hatte. Und ich war Schuld. Wegen meiner Karriere musste sie oft alleine leben und mit allem klarkommen. Ich hatte ihr das alles angetan. Wegen mir war sie krank geworden und wegen mir hatte sie sich umgebracht.

„Ich bin Schuld!", schluchzte ich aufgebracht. Austin sah mir in die Augen und strich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr.

„Du bist nicht Schuld, Süße. Deine Mum hat eine Entscheidung getroffen, aber daran konntest du nichts ändern, glaub mir. Bitte mach dich nicht fertig deswegen."

In dem Moment klingelte es an der Tür und Austin stand auf um die Notärzte reinzulassen. Natürlich stürmten sie sofort in das angegebene Zimmer und kamen wenig später mit meiner Mutter runter. Sie hatten sie in einen Leichensack gepackt und trugen sie jetzt mit einer Trage in den Wagen. Ich hielt mir beide Hände vor den Mund und brach zusammen, ohne es verhindern zu können.

Austin versuchte mich noch festzuhalten, doch er schaffte es nicht und somit lag ich unter Schock auf dem Boden und weinte. Ich hörte Austin und den Arzt etwas murmeln, aber konnte die Wörter nicht deuten. Um mich herum verschwomm alles, als würde ich in einer Art Hypnose stecken.

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